- Achiote (Gewürz aus dem Samen des Annatto-Baums) wird zum Würzen von Reis, Fleisch und Saucen verwendet. Es schmeckt mild süßlich und verleiht jedem Gericht eine gelb-orange Farbe.
- Aborrajados ist ein frittierter Snack aus Mehl, Zucker, Ei,Vanille und Salz.
- Ajiaco ist eine typisch kolumbianische Kartoffelsuppe. Sehr kräftig mit Huhn und mehreren Sorten Kartoffeln, von denen eine Sorte, absichtlich zerkocht wird. Weitere Zutaten sind Mais, Knopfkraut und Kapern oder Avocado.
- Arepa sind Maisfladen gefüllt mit Fleisch oder Fisch, Ei, Käse, Schinken oder Gemüse.
- Canela ist Zimt.
- Casita heißt das Haus in dem die Familie Madrigal zusammen lebt.
- Chigüiro bedeutet „Capybara“
- De colores ist ein traditionelles und fröhliches spanisches Volkslied, das in ganz Lateinamerika bekannt ist.
- Lechona ist ein Spanferkel mit Erbsen, Zwiebeln und Reis.
- Mi reinas heißt „meine Königinnen“.
- Pan de Bono ist ein Käsebrot als kleine Kugeln gebacken.
- Panela ist unraffinierter Rohrzucker.
Ein Tag voller Überraschungen
Zwei Jahre war es her, seit Mirabel die Magie der Kerze der Familie Madrigal erneuert hatte. Abuela Alma, das Oberhaupt der Familie war seither viel wärmer und nachsichtiger geworden. Mirabel hatte nicht nur ihren Onkel Bruno zurück in die Familie geholt, sondern auch ihren Schwestern Isabella und Luisa geholfen ehrlicher zu sich selbst zu sein. Außerdem hatte Dolores, Camilos ältere Schwester, seitdem endlich ihren heimlichen Liebsten erobert. Er war ein wenig übereifrig in Sachen Liebe, doch sie waren nun bereits zwei Jahre ein glückliches Paar.
Camilo machte sich gut gelaunt auf den Weg ins Dorf. Wie jeden Tag würde er mit seiner Gabe, Gestaltwandel, den Dorfbewohnern helfen. Meistens handelte seine Arbeit davon, dass er auf die Kinder aufpasste. Camilo konnte sehr gut mit Kindern. Kinder lachten, wenn er sich verwandelte oder mit ihnen verstecken spielte. Sie liebten es, seine Geschichten zu hören. Über Gruselmonster und Abenteuer.
Doch heute hatte er von seiner Abuela einen anderen Auftrag. Die Familie Vargas ganz am Ende des Dorfes hatte ihn um Hilfe gebeten. Er kannte die Kinder bereits gut. Matéo, der älteste war ruhig und zuverlässig. Valerí, die mittlere war neugierig und redete selbst Camilo in Grund und Boden. Tómas, der jüngste war sehr verspielt und liebte Tiere. Er ähnelte Camilos eigenem Bruder, Antonio, weshalb er ihn besonders gern mochte.
Normalerweise schien eine Verwandte auf die Kinder aufzupassen, doch sie war krank geworden und so hatte Ricardo Vargas heute Morgen nach Verstärkung für die Kinderbetreuung gefragt. Camilo hatte nicht wirklich zugehört, worum es ging. Nur, dass es zur Familie Vargas ging und diese am Westlichen Ende des Dorfes in einer Nische zwischen vielen Bäumen wohnten. Ein blaues Haus mit roten Fenstern.
Grinsend trat er an die reich verzierte rote Tür heran. Er klopfte viermal und trat dann einen Schritt zurück. Hinter der Tür gab es keine Geräusche, dennoch öffnete sich die Tür ganz langsam. Zu Camilos Überraschung öffnete jedoch nicht Matéo die Tür. Es war ein Mädchen, etwa so alt er selbst. Sie war deutlich kleiner als Camilo und hatte wallendes hellbraunes Haar, welches ihr bis zum Bauch ragte. Ihre Blicke trafen sich nur für einen Sekundenbruchteil, bevor sie ihr Gesicht hinter der Tür verbarg und ein leises, aber hohes Niesen zu hören war. Dieser Bruchteil hatte ausgereicht, um ihre goldglänzenden großen Augen in der Dunkelheit des Eingangsbereiches zu betonen. Sie leuchteten wie kleine Sonnen in der Dunkelheit.
Sie trug ein weites Hemd mit V-Ausschnitt und einen mittellangen Faltenrock. Beides in verschiedenen Brauntönen ohne viel buntes oder Verzierung. Es sah aus, als versuchte sie mit der Wand hinter sich zu verschmelzen und das funktionierte. Im Dorf war es üblich, sehr farbenfrohe und stark verzierte Kleidung zu tragen, also genau das Gegenteil von dem Mädchen, welches sich nun in den Schatten der Tür drückte.
„Hóla. Die Kinder sind hinten“ piepste sie und noch bevor Camilo etwas erwidern konnte, war sie auch schon weg. Verwundert trat er in das Haus und schloss die Tür. Es duftete nach Kräutern. Besonders nach Achiote, Koriander und Zimt. Eine merkwürdige, aber angenehme Kombination, dachte Camilo. Es roch irgendwie frisch und würzig mit einer süßen Note.
Das Tür-Mädchen hatte er noch nie gesehen, da war er sich sicher. Doch das war unmöglich. Camilo kannte alle im Dorf, jeden einzelnen. Da war er sich sicher. War sie neu zugezogen?
Im Hof begrüßten ihn die Kinder stürmisch und Tómas sprang sofort gegen seine Hüfte und warf Camilo zu Boden. „Hóla Kinder! Ich freue mich, euch die ganze Woche besuchen zu können, was wollen wir als erstes tun?“
Die ersten Stunden spielten die Kinder mit ihm verstecken, fangen und mit einem Ball. Gegen Mittag blickte Matéo zu einem Fenster des Hauses und erklärte, dass Essen fertig sei. Camilo drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um eine hellbraune Welle verschwinden zu sehen.
„Wer ist das Mädchen? Sie hat mir auch die Tür geöffnet“ fragte Camilo, während alle vier zum Haus gingen.
Valerí, die immer mit Begeisterung redete, antwortete „Luna. Sie ist unsere Schwester. Aber sie mag nicht gern fremde Menschen. Dabei ist sie sooo lieb und toll“. Beim Reden machte Valerí ihre Arme, solang sie konnte und formte eine große Kugel damit.
Matéo blickte finster zum Fenster, hinter dem Luna verschwunden war „Papa versteht es nicht. Er ist sehr streng mit ihr“.
Der Esstisch war für sechs Leute gedeckt. Eine alte Frau saß bereits am Kopfende, das musste Abuela Vargas sein. Im Dorf erzählte man sich, dass ihr das Laufen schwerfiel und sie daher oft zuhause blieb. Sie war bekannt dafür, sehr streng zu sein. Besser, ich bleibe hier unauffällig, dachte sich Camilo mit einem freundlichen Lächeln zu Berta Vargas. Den Blick erwiderte sie ebenso freundlich. Vielleicht war sie gar nicht so übel, wie man sagte.
Die Kinder setzten sich an ihre Plätze und Matéo zog Camilo neben sich ans Ende des Tisches. Zwei Plätze am Tisch waren frei gelassen worden, vermutlich die Plätze von Ricardo und Elena. Der Eltern. Doch das musste falsch sein, ein Platz war zwischen Abuela Berta und Matéo frei und einer gegenüber von Camilo.
Die Teenagerin kam mit einem dampfenden Topf ins Esszimmer, sie nahm den Teller ihrer Großmutter und füllte ihn, zu Camilos entsetzen, mit Ajiaco. Er mochte diese kräftige Kartoffelsuppe überhaupt nicht. Doch er würde aus Höflichkeit nicht ablehnen können. Auch die Kinder bemerkten, was heute serviert wurde und reagierten überraschend. Sie freuten sich ausgelassen. Alle drei sangen im Chor „Sopa de Luna“, immer wieder.
Luna grinste verlegen und bedeutete den Kindern ruhiger zu sein. Doch es hatte keine Wirkung. Als Luna den zweiten Teller befüllen wollte, seinen Teller, trafen sich ihre Blicke erneut und ihr Lächeln gefror sofort. Unwillkürlich fragte sich Camilo, was er falsch gemacht hatte.
In diesem Moment stieß Matéo einen Ruf aus „ich werde heute drei Schalen schaffen!“. Daraufhin kicherte Luna.
Sie reichte Camilo seinen Teller und nuschelte kaum hörbar „entschuldige…“ und etwas, das er nicht hören konnte. Camilo bedankte sich für das Essen und nahm seinen Löffel Suppe in die Hand. Luna setzte sich unterdessen auf ihren Platz neben ihre Großmutter. Mit dem ersten Löffel unter der Nase bemerkte Camilo etwas Unerwartetes. Die Suppe, roch süßlich. Ajiaco war eine kräftige Suppe, nichts daran sollte süß riechen. Neugierig nahm er den Löffel in den Mund und erstarrte sofort. Mit großen Augen sah er zu Matéo, der vor Lachen seinen Löffel fallen ließ. Die Suppe roch nicht nur süß, sie schmeckte auch wunderbar lieblich, sanft und süß.
„Ein Familienrezept, seit Generationen kochen wir unsere Ajiaco mit Panela und unsere Luna hier hat es mit Canela sogar noch verbessert“, sagte Berta belustigt.
Auch sie schien ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben. Ein weiterer Blick zu Luna offenbarte, dass sie knallrote Ohren unter ihrem Haar zu verstecken versuchte und sich demonstrativ ihrer Abuela zuwandte, um ihr beim Essen zu helfen.
Camilo fragte sich, wie niedlich sie eigentlich noch werden wollte. Der Gedanke schockierte ihn. Zugegeben, er war neugierig, wer sie war. Doch das war alles. Ganz sicher. Es faszinierte ihn einfach, wie er sie bisher nie gesehen haben konnte.
Sein Teller Suppe hatte sich geleert, bevor er es überhaupt gemerkt hatte. Dies war mit Abstand die beste Ajiaco, die er je gegessen hatte. Er hob seinen Teller, um Nachschlag zu erfragen. Als der Teller direkt neben ihm ebenfalls erhoben wurde. Matéo und er grinsten sich in stillem Verständnis zu. Danach baten die Jungen noch einmal um Nachschlag, bis Camilos Bauch zum Platzen voll war. Matéo konnte erstaunlich viel essen, dennoch vermutete Camilo, dass er einfach nur mehr Suppe von seiner Schwester essen wollte als sein Besucher.
Nach dem Essen setzte sich Camilo mit den Kindern hin. Während er ihnen eine Geschichte erzählte, malten sie Bilder. Abuela Vargas saß in einem Sessel unter einer Decke und sah aus dem Fenster. Luna jedoch war nach dem Abräumen des Tisches und dem Putzen in der Küche nicht zu sehen.
Das stille Mädchen
Was für ein Tag, dachte sich Camilo auf dem Heimweg. Nichts vom heutigen Tag hatte er erwartet. Nun, außer dass die Kinder sich gefreut hatten, mit ihm zu spielen.
Alle Kinder mochten Camilo und warum auch nicht. Er brachte jeden zum Lachen, wann er wollte. Doch dieses Mädchen, Luna, sie nicht. Wann immer sie seine Blicke bemerkt hatte, war sie geflohen oder erstarrt und das war neu für ihn. Außerdem konnte er sich kaum an ihre Stimme erinnern. Hatte sie überhaupt gesprochen?
Nun war er bereits vier Tage bei Familie Vargas zum Aushelfen und wusste dennoch beinahe nichts über Luna. Ihre Geschwister erzählten lebhaft und gern von ihrer geliebten Luna. Wie sie jeden Tag für die Familie kochte, weil ihre Eltern arbeiteten und ihre Großmutter zu altersschwach war. Wie Luna den Kindern bunte Tiere auf die Arme und in Gesichter zauberte, wenn sie danach verlangten. Aber auch, dass sie nicht gern in großen Gruppen war und daher bei den Festen eher am Rand stand.
Jeden Tag hatte er versucht, mit ihr zu sprechen, eine Antwort zu erhalten. Doch sie war immer erstarrt und dann geflüchtet. Ab und an hatte er ein Nicken oder Kopfschütteln als Antwort bekommen, bevor sie erneut verschwand.
Camilo spielte mit den Kindern vor allem draußen, daher hatte er noch nie das obere Stockwerk des Hauses gesehen, wo Luna, die meiste Zeit zu verbringen schien.
Warum nur beschäftigte sie ihn so sehr? Es war ungewöhnlich, dass jemand so anders auf Camilo reagierte. Sie lächelte zaghaft, wenn er beim Essen einen Witz für die Kinder machte. Doch sobald er zu ihr grinste, zuckte sie zusammen und widmete sich eilig anderen Aufgaben. Komplimente schienen sie zu verunsichern.
Sie ließ sich auch nicht im Haushalt helfen. Er solle nur die Kinder beschäftigt halten. Doch sie war eindeutig erkältet und das nicht nur ein wenig. Auch ließ sie ihn nicht mit der Pflege ihrer Großmutter helfen. Camilo fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, wieviel sie arbeitete, obwohl sie krank war.
Dennoch schien er der Einzige zu sein, der sich darüber Gedanken machte. Abends kam Elena, ihre Mutter nach getaner Arbeit im Café nach Hause. Sie begrüßte ihre Kinder und begann dann mit dem Abendessen. Manchmal wechselten sie noch einige Worte, bevor Camilo nach Hause ging und Elena die Küche betrat. Doch auf seine Nachfrage zu Luna hieß es bloß „das schafft sie schon, es ist nur ein kleiner Schnupfen, etwas Ruhe reicht“.
Matéo wartete auf der anderen Seite der Wand und als Camilo Anstalten machte, das Haus zu verlassen, flüsterte er giftig „sie fordern immer nur. Immer mehr. Lass Luna in Ruhe!“. Dann stürmte er nach oben und Camilo ging nach Hause.
Einige Tage später saß Camilo am Frühstückstisch der Madrigals und Abuela verteilte wie üblich die Aufgaben.
„Luisa, könntest Du heute bitte den Wasserlauf bei Bauer Alessandro erweitern? Camilo, Du wirst heute bei Hernandez benötigt, sei pünktlich“, erstaunt blickte er von seinem Teller auf.
„Was ist mit Familie Vargas?“, wollte er sofort wissen.
„Die Familie hat mir versichert, dass ihre übliche Kinderbetreuung nun wieder verfügbar sei. Wir müssen uns auch um die anderen Dorfbewohner kümmern. Und jetzt los. Macht die Familie stolz“.
Damit war das Thema beendet.
Camilo wusste nicht, wieso es ihn so getroffen hatte, heute nicht wie erwartet bei den Vargas zu helfen. Doch nun musste er sich auf seine Arbeit konzentrieren.
Gut gelaunt schlenderte Camilo Richtung Dorfplatz. Hernandez leitete dort einen Kleiderladen. Er würde also ein neues Kleidungsstück tragen und sich dabei jeweils in die beobachtende Kundschaft verwandeln.
So vergingen einige hektische Tage, in denen er mal einer Mutter ein Nickerchen ermöglichte, während er ihr schreiendes Kind betreute. Mal spielte er mit den älteren Kindern auf dem Dorfplatz, während die Eltern einkauften, oder er vertrat Bauarbeiter, während sie bei Julieta anstanden, um ihre Knochenbrüche heilen zu lassen.
Langweilig war Camilos Leben definitiv nie und falls doch, lies sich immer jemand finden, der eine abenteuerliche Geschichte von ihm hören wollte.
Eine Sache jedoch, schlich sich immer wieder in seine Gedanken. Wann immer er einen Moment der Ruhe hatte, wanderten seine Gedanken ganz sanft und scheinbar eigenständig zu Luna. Sie war so still und doch ließ sie ihn im Sturm stehen. Wie konnte sie all die Jahre unbemerkt im Dorf gelebt haben?
Camilo blickte sich um, er war allein in der Gasse, welche zum Hauptweg Richtung Haus der Familie Madrigal führte. Es war auch niemand zu hören. Er nahm ihre Gestalt an und huschte zu einem Wasserfass, an dem er gerade erst vorbeigegangen war.
Lunas schmales Gesicht blickte ihn aus dem Wasser heraus an. Ihre beinahe goldenen Augen leuchteten leicht in der dunklen Wasseroberfläche. Sogar noch ein wenig mehr, denn ihr wallendes hellbraunes Haar rutschte über seine Schultern und umrahmten das Fass ganz leise und sanft. Camilo grinste und Luna tat es ihm nach. Das Gefühl war so befremdlich, dass Camilo kurz zurückschreckte. Kein zaghaftes Lächeln wie sie sonst zeigte, ein breites Lächeln, so wie er es immer im Gesicht trug.
„Was treibst Du hier? Du sollst doch auf Deine Geschwister und Abuela aufpassen! Das kann doch nicht zu viel verlangt sein!“, Camilo wirbelte in der Gestalt von Luna herum und blickte in das Gesicht von Lunas Vater.
Sein Blick war hart und wütend. Camilo spürte, wie er ängstlich zurückwich. Seine Hände begannen zu schwitzen und eilig sah er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.
„Deine Mutter und ich arbeiten sehr hart, damit Du so gemütlich leben kannst! Da sollten wir uns auf Dich verlassen können! Hast Du Deine Familie etwa allein gelassen?“, nun drängte Ricardo ihn gegen die Wand.
Mit jedem Wort war seine Stimme leiser und bedrohlicher geworden.
Was ging hier nur vor? Luna war doch diejenige, die sich sogar krank nicht davon abhalten ließ, sich um ihre Familie zu kümmern. Sie kochte, putze und betreute ihre Großmutter und alle drei ihrer Geschwister. Viel Freizeit konnte sie da wohl kaum haben. Beinahe wären ihm seine Gedanken entwichen, doch er schaffte es gerade noch, sich zu bremsen. Offenbar war das Ricardo nicht entgangen. Böse funkelte er in das erstarrte Gesicht seiner falschen Tochter.
Vollkommen überfordert stammelte Camilo etwas davon, dass er nach Hause eilen würde und rannte so schnell er konnte aus der Gasse heraus. War das die normale Art, wie Ricardo mit Luna sprach? Das war nicht möglich. Nein, das konnte nicht normal sein. Er hatte Ricardo oft getroffen. Als Dorfverwalter unterstützte er Abuela Alma enorm. Er war akribisch, ernst und immer unnahbar. Aber er war nie wütend oder unfreundlich. Zumindest nicht im Hause Madrigal. Der Gedanke erschreckte Camilo. Nein, er musste einfach einen guten Grund haben, so mit Luna zu sprechen. Ganz sicher.
Sobald er konnte, änderte Camilo seine Laufrichtung und schon beim Verlassen der nächsten Gasse prallte er auf das nächste Hindernis.
Eine Gruppe Mädchen, die dem Hauptweg Richtung Dorfmitte folgten. Vermutlich waren auch sie auf dem Heimweg. Camilo erkannte die Mädchen. Sie waren die einzigen Mädchen in seinem Alter.
Marianna sah ihn abschätzig an „was glotzt Du so? Steh uns nicht im Weg“.
Sie war die Anführerin ihrer kleinen Freundesgruppe. Sie war aufbrausend und willensstark, aber vor Camilo war sie immer betont freundlich und süß. Natalia und Sofia waren immer bei ihr und machten ihr alles nach. Die drei trugen immer die neuste Mode in den schönsten Farben. Gabriela war die einzige der Gruppe, die ein wenig anders war. Sie war still und schien den Mädchen einfach nur hinterher zu laufen.
„Wer ist die denn?“, lachte Natalia abschätzig, „so unauffällig sieht sie fast aus wie die Wand hinter ihr“.
Alle Mädchen außer Gabriela lachten hämisch.
Bis gerade eben hatte Camilo die Mädchen immer als freundlich wahrgenommen. Sie mochten Witze und seine Geschichten. Sie tanzten mit ihm, wenn Musik lief, und halfen den Menschen um sie herum. Ja, sie waren auch manchmal etwas faul und undankbar. Aber alles in allem nette Mädchen.
Nun jedoch ballten sich Camilos Hände zu zittrigen Fäusten. Es machte ihn wütend, wie sie mit ihm sprachen. Wie sie offenbar mit Luna sprachen. Der Gedanke traf ihn hart. Er sah zu Boden.
Die Mädchen werteten das Zeichen als Sieg und gingen bereits weiter, doch er hörte noch, wie sie diskutierten, wen sie da gerade getroffen hatten. Sofia erinnerte sich als erste, doch sie verwechselte den Namen und nannte Luna stattdessen Lola Vargas.
„Ah, stimmt, meine Nachbarn haben glaube ich eine stumme Tochter in unserem Alter“, überlegte Natalia ungerührt.
Endlich allein, verwandelte sich Camilo wieder in sein eigenes Abbild. Er brauchte jedoch mehrere Minuten, bis er sich erneut auf den Heimweg machte.
Es sollte doch nur lustig sein, sich als Luna zu sehen. Er hatte nicht gewollt, in Schwierigkeiten zu geraten. Er war nur neugierig gewesen, wie sie sich im Spiegelbild sah. Was war gerade nur passiert? War das etwa ihr Alltag?
Diese Verwandlung war ganz und gar nicht lustig gewesen. Zum ersten Mal.
Das Dorffest
Camilo erwachte früh am nächsten Morgen. Er hatte schlecht geschlafen und ihn erwartete ein anstrengender Tag. Heute Abend würde das Fest der Lichter stattfinden. Camilo würde den ganzen Tag damit zubringen, die Kinder zu unterhalten. Aber auch die Erwachsenen, die noch einmal Kind sein wollten.
Nachdem Abuela allen ihre Aufgaben erteilt hatte, machte sich Camilo auf den Weg ins Dorf. Er, Dolores und Luisa sollten bereits tags beim Aufbau helfen. Später würden dann Isabella und Mirabell ihre Ablösung übernehmen, während Dolores weiter den ganzen Tag die Aufgaben-Koordination übernahm. Sie hatte erst frei, wenn die Party begann und Camilo seine zweite Schicht übernahm.
Der Dorfplatz verwandelte sich. Überall wurden Girlanden gespannt, Laternen aufgehängt und Tische in Position gerückt. Der Geruch von frischem Gebäck zog bereits durch die Gassen, obwohl das Fest erst am Abend beginnen würde. Kinder rannten zwischen den Erwachsenen hindurch und störten dabei jeden zweiten Aufbau, ohne dass es jemanden wirklich störte.
Camilo stand mitten im Treiben und atmete tief ein. Das war seine Welt. Der Lärm, die Farben, die Erwartung, die in der Luft lag wie der Geruch von Isabellas frischen Blumen, die sie gerade in langen Bögen über die Eingänge der Gassen zog. Selbst Pedro, der wie immer seinen Holzstapel schleppte, wirkte heute irgendwie festlicher.
„Camilo! Hier!“, rief Dolores von der anderen Seite des Platzes und deutete auf eine Kiste voller Laternen. Er grinste und lief los.
Den ganzen Vormittag hatte Camilo so viel zutun, dass er kaum einmal sitzen konnte. Überall wurden große und kleine Hände benötigt und er konnte beides erfüllen. Dabei hatte er wie immer einen frechen Scherz auf den Lippen oder einen kleinen Stubs für Pedro.
Als es endlich Zeit für seine Pause war, war Camilo bereits völlig ausgelaugt. Doch noch bevor er einen Arepa essen konnte, kamen die Dorfkinder zu ihm gestürmt. Er hatte sich extra in eine dunkle Ecke verzogen, doch Daniel und Matéo fanden ihn beinahe überall. Sie zogen eine Schar aus sechs jüngeren Kindern hinter sich her.
„Camilo, Camilo! Bitte mach das Babygesicht!“, verlangte Alexander, doch Tómas schnitt ihm das Wort ab „nein! Erzähl eine Geschichte“.
Doch dann machte Daniel einen Vorschlag, der alle begeisterte. Fangen spielen.
Camilo lachte gespielt böse „na wartet, ich kriege euch!“.
Das Fest verlief ähnlich, nur dass Camilo es endlich schaffte, große Portionen Lechona, Pan de Bono und Aborrajados zu stibitzen. In Gestalt von Diego, dem Friseur schlich er mit einem überquellenden Teller in eine besonders dunkle Seitengasse, die vom großen Feuer auf dem Dorfplatz wegführte. Hier würde er endlich essen können. Camilo fühlte sich müde und ausgelaugt.
Doch noch bevor er sich auf den Boden setzen konnte, hörte er eine sehr leise Stimme. Sie kam ihm wage bekannt vor. Ein Lied erklang aus der Dunkelheit und schon nach wenigen Sekunden zuhören fühlte sich Camilo irgendwie ruhig, einfach entspannt. Es war, als würden alle sonstigen Geräusche und Erwartungen plötzlich von ihm abfallen.
Wie von selbst ging er die Gasse weiter entlang, immer seinen Ohren nach. Dieser sanften Stimme entgegen. Schon nach zwei Ecken erreichte er die Stimme. Der kleine Platz am äußeren Ring um den Dorfplatz herum war kaum beleuchtet und es stand ein einziger kleiner Guajakbaum neben einem schmalen Brunnen in der Mitte. Luna Vargas saß allein inmitten einer Gruppe, wie sie sonst nur Camilos jüngerer Bruder Antonio versammeln konnte.
Mehrere Tukane, Hühner und Enten versammelten sich um sie und Luna sang ganz leise für die Tiere. Ihre Stimme war klar und ziemlich hell, aber das machte sie wunderschön und beruhigend. Das schüchterne Mädchen bemerkte ihn zuerst nicht. Bis er nicht mehr widerstand und näher kam – und sich nur wenige Meter entfernt auf den Boden setzte.
„Camilo?“, Luna sah ihn mit großen Augen an. Er blickte an sich herunter, doch er sah noch immer aus wie Diego.
„Woher… ?“, stammelte er vollkommen verwirrt, während er sich verwandelte.
Etwas in ihm hatte außerdem angefangen sich zu regen. Er wollte nicht, dass sie aufhörte zu singen.
Luna lächelte unsicher „es ist die Art, wie Du Dich bewegst“.
Sie war die erste außerhalb seiner Familie, die ihn in einer anderen Gestalt erkannte. Wie war das möglich? Nicht einmal die Babys durchschauten seine Tarnung, wenn er ihre Mütter vertrat.
Eigentlich wollte er weiter nach harken, doch stattdessen hörte er sich sagen „bitte hör nicht auf zu singen, wir können uns auch mein Essen teilen, wenn Du willst“.
Hier fühlte er sich befreit. Keiner, der eine Geschichte verlangte, einen Witz oder eine andere Person brauchte als Camilo. Als ihm der Gedanke kam, weiteten sich vor Schreck seine Augen. Woher wusste er, dass Luna nichts von ihm verlangen würde? Aber er war sich absolut sicher, dass er Recht hatte.
Doch Luna nahm sich schüchtern ein Pan de Bono und sagte nichts. Beim Essen streichelte sie den Tukan zu ihrer linken. Die Tiere vertrauten ihr offensichtlich. Denn sie verhielten sich auch bei Antonio so. Camilo wusste nichts über Tiere, nur das, was er bei seinem Bruder beobachtete.
Nach einer Weile begann Luna erneut zu singen, zittrig und undeutlich. Doch Camilo reagierte absichtlich nicht darauf. Er hoffte nur, die Stimme von zuvor erneut hören zu können. Wäre sie nicht so schüchtern, hätte sie eine beliebte Sängerin werden können. Irgendwie freute es Camilo, ihr einziger Zuhörer zu sein.
Das Fest endete, und die ersten Stimmen näherten sich – doch es war nicht das Lachen der Dorfbewohner, das herüberschallte. Es war Ricardos Stimme, scharf wie ein Messer „hier bist Du also. Wenn Du schon nicht zum Fest gehst, könntest Du wenigstens Abuela begleiten! Du weißt, sie kann nicht gut laufen!“
Lunas Finger verkrampften sich im Stoff ihres Rocks. Nicht aus Schreck. Sondern als hätte sie diese Worte schon so oft gehört, dass sie längst keine Überraschung mehr waren. Nur noch ein weiterer Stich. Camilo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Ricardo sah nur, was Luna nicht tat. Nicht, wie sie war. Erschrocken sprang Luna auf und die Vögel flogen und liefen davon. Sie nuschelte etwas in seine Richtung und rannte dann nach Hause.
Camilo jedoch blieb, wo er war. Er blickte ihr hinterher, bis sie um eine Ecke verschwand. Dann wandte er sich in die entgegengesetzte Richtung und ging langsam zur Casita.
Lunas Augen
Der Tag hatte sich angefühlt wie ein Stein im Schuh. Die Sonne stand grell und unbarmherzig über dem Dorf, die Gassen stauten die Hitze und warfen sie zurück. Irgendwo hatte ein Hund den ganzen Vormittag gebellt, die Kinder waren unruhiger als sonst und Señora Ruíz hatte ihn zweimal nach demselben Gefallen gefragt, als hätte sie das erste Mal vergessen.
Camilo hatte gelächelt. Natürlich hatte er gelächelt. Heute hatte Camilo üble Laune. Er hatte morgens Ricardo zufällig gehört, wie er Abuela von seiner „stummen Tochter“ erzählte. Seiner Ansicht nach war sie faul und vernachlässigte ihre Pflichten. Ständig bliebe sie in ihrem Zimmer.
Als Camilo sich zu Luna auf den Boden fallen ließ funkelte er noch immer böse in die Luft. Er mied ihren Blick. Erst musste er sich beruhigen und dazu gab es kein besseres Mittel, als neben Luna zu sitzen.
„Ist etwas passiert?“, ertönte ein unsicheres Flüstern neben sich. Camilo verspürte einen Stich. Es war eine einfache Frage, so leise gehaucht, wie das Rascheln der Blätter im Wind. Doch bevor er sich bremsen konnte, fauchte er sie an.
„Wieso lässt Du so mit Dir reden? Wieso lässt Du zu, wie sie Dich behandeln? Ich verstehe es nicht! Dein Vater sieht Dich nicht! Niemand sieht Dich! Warum? Du tust so viel und bist so lieb zu allen…“, er hatte sich beim Sprechen zu ihr umgedreht und sah nun in ihre fast goldenen Augen. Sie waren vor Schock geweitet und voller Tränen.
„Woher… ?“, doch da begriff Luna bereits und bevor Camilo sich eine Ausrede einfallen lassen konnte, stand sie auf. „Du warst das neulich? Du hast meinen Vater in meiner Gestalt getroffen?“, Tränen kullerten wie kleine Murmeln über ihre Wangen. Während sie sich abwandte, stieß sie hervor „das hättest Du nicht… sehen sollen“.
Luna war fort, bevor Camilo sich erhoben hatte. Er hatte sie verletzt. Das hätte nicht passieren dürfen. In seiner Brust verspürte er einen Schmerz, wie er ihn nie zuvor gespürt hatte. Es drückte und stach zugleich. Ihre Tränen brannten sich in sein Gedächtnis.
An diesem Abend ging Camilo direkt in sein Zimmer. Er setzte sich vor sein Bett und zog die Knie unter sein Kinn. Lunas entsetzter und verletzter Blick, das traurige Glitzern ihrer sonst so freundlichen Augen verfolgten ihn.
Aus Tagen wurden Wochen. Luna tauchte nicht mehr an ihrem Treffpunkt auf. Camilo wurde zusehend erschöpfter. Er fühlte sich leer und ausgelaugt. Es sah Luna einfach überall, in den kleinen Lampen an Elenas Teestube und in den wachen Augen einer streunenden Katze und manchmal verwechselte er die rennende Silhouette eines kleinen Mädchens mit Luna. Jedes goldene Glitzern von Schmuck oder Lampen erinnerte Camilo an diese riesigen, tief verletzten Augen. Seine Aufgaben erfüllte er wie immer, doch fiel es ihm immer schwerer Witze zu reißen.
Eines Abends winkte ihn Papa zu sich.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte Félix ohne Umschweife und ohne seine sonst so dramatische Art.
Camilo sah beschämt zu Boden „ich habe jemanden verletzt, der mir wichtig ist… es ist einfach so raus gerutscht…“.
Félix Madrigal sah seinen ältesten Sohn voller Verständnis an und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Dann gibt es nur einen Weg es wieder gut zu machen. Entschuldige Dich aufrichtig“, sagte er weise.
„Aber was, wenn ich sie nicht finde? Sie weicht mir aus…“, Camilos Stimme zitterte ein wenig und er hoffte inständig, dass sein Vater das nicht bemerkte.
Félix antwortete mit seiner üblichen ruhigen Art „so läuft das nun mal. Du musst Dich bemühen, wenn es Dir Ernst ist“.
Camilo nickte niedergeschlagen und die beiden gingen gemeinsam ins Familienzimmer.
Auch nachdem Camilo sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, beschäftigte ihn der Rat seines Vaters. Was, wenn ich alles nur schlimmer mache?
Camilo wusste zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt nicht, was er zu jemandem sagen sollte. Wo immer er war, er wusste immer was zu sagen war, um die Stimmung aufzuheitern oder um Wogen zu glätten. Doch hier war alles anders. Er selbst hatte Luna verletzt, mit seinen Worten. Nun wusste er nicht, wie er sie finden sollte oder wie er seinen Ausbruch ungeschehen machen sollte. Eine simple Entschuldigung würde nicht reichen. Er war nicht besser gewesen als Ricardo. Der Gedanke traf ihn wie ein Faustschlag. Er hatte sich wie vom Blitz getroffen in seinem Bett aufgesetzt. Camilos Hand krampfte sich vor seinem stechenden Herzen zusammen und er atmete flach.
Ein stressiger Tag
Die nächsten Tage verliefen alle gleich. Camilo ging seiner Aufgabe im Dorf nach, in seinen Pausen besuchte er das Haus der Familie Vargas und abends wartete er am üblichen Platz. Doch Luna tauchte nicht auf, weder am Platz noch im Untergeschoss der Familie Vargas.
Er vertrat gerade Valentina in ihrem Schmuck-Geschäft, als Marianna und ihre Freundinnen um die Ecke kamen. Sie lachten über etwas und waren offenbar auf dem Weg zu ihm. Genauer, Camilo in der Gestalt von Mariannas Mutter. Dann bemerkte Camilo Luna, sie kam gerade aus dem Geschäft gegenüber, sie verstaute ein paar Gewürzgläser in ihrer Tasche und bemerkte die Mädchen nicht.
Diese bemerkte Luna allerdings und traten zügig auf sie zu. Ehe Luna etwas bemerkt hatte, war sie umzingelt. Die Mädchen spotteten höhnisch.
Camilo hörte Natalia sagen „hey! Stumme! Sag mal was!“.
Marianna grinste böse, bevor sie ihre Hand vor ihren Mund hob und mit honigsüßer Giftstimme sagte, dass Luna sich besser wieder verstecken solle. Sofia lachte noch ein wenig lauter und nickte lebhaft.
Gerade als Camilo bei ihnen ankam, sagte Gabriela undeutlich „lass sie doch…“, doch Marianna brachte sie mit einem giftigen Blick zum Schweigen. Gabriela wich zurück und sah zu Boden.
„Marianna! Ich dachte wirklich Du wärst ein nettes Mädchen…“, fauchte Camilo.
Zu spät bemerkte er, dass er noch immer in der Gestalt ihrer Mutter vor ihr stand. Die Mädchen sahen ihn mit hochgezogenen Brauen an. Offenbar wusste Mariannas Mutter Bescheid.
Valentinas Tochter rollte mit den Augen und stampfte davon. Ihre Freundinnen eilten hinter ihr her, aber nicht ohne, dass Sofia noch einmal überdeutlich mit den Augen rollte.
Einen Moment fürchtete Camilo, dass auch Luna flüchten würde, doch sie blieb. „Danke, Camilo“, sagte sie nach einer kurzen Stille.
Erleichtert verwandelte sich Camilo in seine eigene Gestalt. Seine Aufgabe war gerade unwichtig. Er musste sich entschuldigen. Mit seiner Stimme, seinem Gesicht und seinen eigenen Worten.
Er setzte an, doch Luna schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe. Das bist auch Du. Ich weiß nicht, warum Du ich sein wollen würdest, aber es ist nicht Deine Schuld, dass… dass Du gehört hast“, sagte sie ruhig. Doch das reichte nicht. Nicht für Camilo.
„Nein. Es tut mir ehrlich leid. Ich war nur neugierig, ich kannte Dich kaum und Du bist mir ein Rätsel…“, als Luna noch immer keine Anstalten machte zu gehen, fuhr er fort „Du bist so wunderbar. So wichtig und ich habe Dich sehr vermisst“.
Da war es. Das Lächeln, was ihn so beruhigte, das Lächeln, welches die Macht hatte, einfach alles andere aus seinem Kopf zu fegen.
Camilo hatte das Gefühl ihr alles sagen zu können und nichts sagen zu müssen.
Doch der Moment verflog und Valentina kam auf den Platz gestürmt.
„Camilo! Was ist mit meinem Geschäft? Du wolltest mich doch vertreten“, Camilo zuckte zusammen und verwandelte sich im Herumwirbeln in Valentina.
„Entschuldigung, ich musste kurz etwas erledigen. Ich komme“, mit einem Zwinkern verabschiedete er sich von der schuldbewusst dreinblickenden Luna.
Doch jetzt war wieder alles wie es sein sollte. Seine beste Freundin war wieder bei ihm. Camilo fühlte sich so fit und motiviert wie lange nicht mehr.
Camilo hatte wieder einmal viel zu tun. Im Dorf gab es sechs Neugeborene und dementsprechend viele übermüdete Mütter und Väter. Während er zwischen den Einsatzorten hastete, begleitete ihn die übliche Schar Kinder, die mit ihm Spielen wollten und er konnte sie nur mit Mühe abschütteln.
Sebastían Pérez war besonders anstrengend, der Junge war bereits zwei Monate alt und weinte fast ununterbrochen. Er war das zweite Kind der Familie und so wusste seine Mutter zwar was los war, konnte ihm aber nicht helfen. Er hatte Blähungen und wusste nicht was ihm da so weh tat.
Camilo tat sein Bestes, den kleinen Jungen zu beruhigen und wiegte ihn stundenlang im Arm, bis seine Mutter sich ausgeruht hatte und erneut übernehmen konnte. Der Vater kümmerte sich unterdessen um die zweijährige Tochter und machte nebenbei Hausarbeiten und eine Flasche Milch warm. Nichts half.
Am Abend war Camilo völlig ausgebrannt. Er hatte das dringende Bedürfnis selbst zu weinen. Sein Kopf tat weh und auch seine Arme und Beine brannten vor Anstrengung. Doch er lächelte matt bei dem Gedanken, Luna gleich zu treffen. Das würde ihn mit neuer Energie versorgen. Ganz sicher.
Luna war noch nicht am Treffpunkt, also setzte er sich auf den Boden und machte für einen Moment die Augen zu. Nur kurz ausruhen. Hinter sich hörte er leise Schritte und wandte sich mit einem breiten Lächeln um. Er begrüßte Luna strahlend und das meinte er auch so. Egal wie ausgelaugt er war. Hier ging es ihm gut und er freute sich, das schüchterne Mädchen zu sehen.
Doch Luna sah ihn sofort besorgt an „was ist passiert?“.
Sie setzte sich direkt neben ihn und hielt seinem Blick stand.
Seit wann war sie so mutig? Camilo wusste noch immer nicht, wie sie ihn immer wieder durchschaute, doch jetzt ließ sie nicht locker.
Langsam schüttelte sie den Kopf, „Du musst nicht gut drauf sein. Nicht hier“.
Da fiel seine Maske in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Er berichtete ihr von den schreienden Babys, von den Kindern, die einfach keine Ruhe gegeben hatten, bis er ihnen eine Geschichte erzählt hatte und von den vielen Verwandlungsanfragen zwischendurch. Alle hatten einfach immer mehr verlangt und ihm so keine Pause gelassen. Als er seinen Bericht beendet hatte, füllten sich seine Augen tatsächlich mit Tränen, die er eilig wegwischen wollte.
Doch Luna war schneller, sie packte sein Gesicht, bevor er es wegdrehen konnte, sah ihm in die Augen und sagte „es ist okay. Komm, leg nur ganz kurz Deinen Kopf ab“.
Bot Luna ihm wirklich an, das er glaubte?
Noch bevor Camilo reagieren konnte, zog sie lachend an seinem Arm und er plumpste mit seinem Kopf auf ihr Bein. Ohne Umschweife legte sie ihre kleine Hand auf seine Haare und hinderte ihn so sanft daran sich wieder aufzusetzen.
Ihr leises Summen hallte in seinem Kopf und fegte jede Gegenwehr davon. Mit einem letzten Blick versicherte Camilo sich, dass sie ihn nicht beobachtete. Luna blickte demonstrativ zum großen Baum am anderen Ende des Platzes.
Als Camilo seine Augen erneut öffnete, spürte er ein paar getrocknete Tränen und er hörte Lunas Stimme, die noch immer vor sich hin summte. Er setzte sich langsam auf und sah sich um. Der Platz lag im Dunklen, die Sonne musste also schon untergegangen sein. Fragend blickte er zu seiner Freundin und sah, dass sie lächelte.
„Es war nur eine Stunde“, beantwortete sie die unausgesprochene Frage, „geht es Dir jetzt etwas besser?“. Erstaunt stellte Camilo fest, dass er sich wirklich viel leichter fühlte. Luna schien es zu erahnen. Sie entschuldigte sich, ihn behandelt zu haben, wie sie sonst Matéo zur Ruhe zwang. Doch das störte Camilo nicht weiter. So etwas hatte er noch nie erlebt. In all seinen siebzehn Jahren nicht.
Wichtig war nur, wie befreiend diese kurze Pause gewesen war. Es fühlte sich an, als ob alle Last von seinen Schultern genommen worden war.
„Es muss sehr anstrengend sein, immer jemand anders sein zu müssen“, sagte sie nach einer Weile.
„Ja, aber das scheinst Du sehr gut zu kennen“, hörte sich Camilo wahrheitsgetreu sagen. Verwirrt sah Luna ihm in die Augen. Sie glänzten in der Dunkelheit wie kleine Sonnen. Warm und beruhigend.
„Ich meine, Du bist so viel mehr als das stumme Mädchen“, erwiderte er verunsichert, „Du bist lieb und stark und interessant“. Ihre Augen weiteten sich ein wenig und Luna stammelte „das ist etwas anderes. Ich verstelle mich nicht. Ich muss nicht so tun, als sei ich jemand der ich nicht bin“.
Eine peinliche Stille trat ein. Bis Luna die Stille durchbrach, in dem sie ihm eine Hand reichte und flüsterte „Du musst hier niemand sein. Ich mag den wahren Camilo“.
Später lag Camilo noch lange in seinem Bett und dachte darüber nach, was heute alles geschehen war. Es war so viel gewesen. Aber ein letzter Gedanke traf ihn wie ein Schlag, bevor er endgültig einschlief.
Luna wusste, wer er war und wer er vorgab zu sein. Sie mochte ihn trotzdem oder vielleicht genau deswegen und das war etwas, von dem Camilo nicht gewusst hatte, wie sehr er es brauchte.
Wer ich bin
Camilo erwachte spät am nächsten Morgen, rannte zum Frühstück und handelte sich einen tadelnden Blick seiner Abuela ein. Doch er war noch rechtzeitig am Tisch angekommen, um einen Bissen zu essen, bevor sie die Aufgaben des Tages verteilte.
Er allerdings, war mit seinen Gedanken ganz woanders. Er hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan. Seine Gedanken rasten. Wer war er eigentlich? War er der lustige Clown, der groß und klein zum Lachen brachte? War da vielleicht mehr?
„Camilo?“, Abuela und die ganze Familie sah ihn verwundert an.
Erschrocken setzte sich Camilo aufrecht hin.
„Verzeih, Abuela. Ich war in Gedanken“, entschuldigte er sich kleinlaut.
„Konzentration. Unsere Fähigkeiten werden gebraucht“, tadelte sie ihn in die Runde, „Du bist heute bei Familie Pérez, sie brauchen Dich dringend bei den Kindern. Danach machst Du besser eine Pause. Du hattest in letzter Zeit viel zu tun“.
Das war neu. Abuela war seit dem Wiederaufbau der Casita nicht mehr ganz so streng, dennoch war das Pensum des heutigen Tages vergleichsweise gering.
Umso besser. So hatte er mehr Zeit zum Nachdenken.
Doch so einfach würde es nicht werden. Sebastían schrie auch heute aus Leibeskräften und als er ihn endlich zum Schlafen gebracht hatte, stürzte seine Schwester über einen Bauklotz. Ihr Vater war gerade in der Küche und konnte nicht helfen. Also lies Camilo den Jungen kurz schreien und beruhigte erst einmal Linda. Sie hatte sich zum Glück nicht weh getan, nur erschrocken.
Es dauerte weitere zwei Stunden, bis Sebastían wieder einschlief. Camilo war wieder einmal kraftlos, als die Mutter zuhause übernahm. Er machte sich auf den Weg zum Dorfplatz – wo er fast seine ganze Zeit verbrachte, wann immer er keine Aufgabe im Dorf hatte.
Die Müdigkeit war bis in seine Knochen gedrungen und seine Augen brannten ein wenig. Wie üblich hatte Camilo Appetit, etwas Süßes wäre jetzt genau das Richtige und er hielt Ausschau nach einem Snack, den er stibitzen konnte. Elena Vargas drehte ihm gerade den Rücken zu, zwischen ihnen entdeckte er eine Schale voller Cocadas. Perfekt.
Camilo verwandelte sich im Gehen in Matéo und schnappte sich, soviel er tragen konnte. Die kleinen Kinderhände eines elfjährigen war eventuell nicht ganz die perfekte Wahl. Doch würde Elena ihrem ältesten Sohn sicher verzeihen. Er entkam, obwohl Elena ihrem Sohn nachrief „Matéo! Du Lümmel!“.
Kaum hatte er den ersten Bissen zu sich genommen, hatten ihn die Kinder entdeckt.
„Camilo! Gib uns etwas ab!“, riefen die jüngeren Kinder.
Camilo lachte und teilte seine Beute.
„Woher wusstet ihr…“, doch seine Frage musste nicht beantwortet werden. Der echte Matéo lachte ihn aus der Gruppe Kinder an. Neben ihm standen Tómas und Valerí.
Camilo blickte sich um, doch Luna mied den Dorfplatz. Das wusste er und dennoch…
„Lass uns Doppelgänger spielen“, forderte Lucho. Einer der jüngeren Jungen, der immer besonders in seinen kleinen Geschichten und Spielen mit den anderen Kindern aufging.
Fast alle Kinder stimmten zu und so verwandelte sich Camilo grinsend in Camila.
Das sechsjährige Mädchen freute sich riesig, die erste zu sein und stürmte nach vorn.
Camilo ergriff ihre Hände und die beiden gleichen Mädchen wirbelten im Kreis, bis die anderen Kinder nicht mehr wussten, wo Camilo stand.
Die zwei Camilas schwankten einen Moment vor Schwindel, dann lachten sie. Camilo wirbelte noch einmal herum, dann deutete er auf Camila und rief „Du siehst aus wie ich!“.
Die Kinder quiekten vor Freude und das Ratespiel begann.
José stürmte auf Camilo zu, der nicht recht wusste, wie er reagieren sollte. Also trat er ein paar Schritte zur Seite und wich dem Jungen somit elegant aus. Doch Camila rannte kreischend vor Freude davon. Er war enttarnt.
Als nächstes verwandelte er sich daher in José.
Das Spiel war wie immer ein chaotisches Durcheinander von Lachen und gebrüllten Namen. Als Camilo gerade als verwandelter Estebán umher rannte, schlich sich plötzlich eine leise Leere in ihn. Estebán war ein kleiner Rowdy, unabsichtlich grob aber nie böse.
Doch obwohl Camilo nie so gewesen war, fühlte es sich absolut vertraut an. Zu normal. Er sah aus wie Estebán und verhielt sich auch so. Doch spielte er hier nie selbst mit den Kindern, er stellte die Kinder dar oder erzählte ihnen Abenteuergeschichten, bei denen er ebenfalls seine Rollen spielte.
Am Abend verabschiedete er sich lachend von den Kindern „das hat Spaß gemacht“.
Auf seinem Weg zum üblichen Treffpunkt mit Luna dachte er jedoch Was war der Punkt des Spiels, wenn er dabei immer nur die Rollen anderer spielte?
Die Kinder waren glücklich und die Erwachsenen erleichtert, wann immer er ihre Rollen übernahm. Camilo jedoch blieb leer, wie ein Spiegel. Mit jeder Verwandlung entfernte er sich von sich selbst und wurde zu einem Spiegelbild eines anderen.
Luna saß bereits an ihrem Platz. Das war ungewöhnlich. War er so spät dran? Erst jetzt bemerkte er ein unangenehmes Stechen in der Brust. Camilo atmete tief ein, setze sein strahlendes Lachen auf und trat neben Luna.
Er freute sich ehrlich, Luna zu sehen. Dennoch war ihm eigentlich nicht nach Lachen zumute. Camilo wusste nicht, was er hätte tun sollen, wenn sie heute keine Zeit gehabt hätte. Er brauchte heute wirklich ihre beruhigende Wirkung, seine Gedanken waren den ganzen Tag zu schwer gewesen.
Luna sah ihn aus großen Augen an. Camilo stockte der Atem. Stimmte etwas mit seinem Gesicht nicht?
„Dein Lachen… sieht heute anstrengend aus“, ihre Stimme war leise, beinahe unsicher, als sie die Worte sprach, doch sie trafen ihn wie ein sanfter Schlag.
Camilo blieb unschlüssig stehen. Er hatte sich keine Sekunde lang gefragt, ob ihm heute zum Lächeln zumute, war. Ob er sich dabei verstellt hatte. Aber jetzt spürte er seine Wangenmuskeln zucken und verhärten. Seine Augenlieder versteinerten zu einem entspannten Ausdruck. Zum ersten Mal in seinem Leben nahm er plötzlich wahr, wie sich sein Lachen anfühlte.
„Ich…“, begann er, wusste aber nicht, was er sagen sollte.
Was war los mit ihm? Warum fühlte es sich so falsch an, zu lachen? Er war doch immer gut gelaunt.
„Es ist nichts“, murmelte Camilo schließlich.
Obwohl er sich nicht sicher war, ob er sich selbst glaubte.
Luna antwortete nicht. Doch ihr Blick war voller Wärme mit einem leichten Ausdruck von Verständnis.
„Ich weiß nicht… es fühlt sich nur… anders an. Heute“, nuschelte Luna.
Nach einer Weile lächelte sie kurz, bevor sie sich einem Vogel im Baum zuwandte, der gerade in sein Nest zurückkehrte.
Camilo setzte sich neben sie. Nachdenklich zog er seine Beine zu sich. Irgendetwas war heute anders.
Camilos Plan
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Camilo erledigte verschiedene Aufgaben im Dorf, doch wann immer er eine Pause hatte, ging er nicht wie sonst zum Dorfplatz, sondern in sein Zimmer. Seine Gedanken überschlugen sich und manchmal blieb ihm danach nichts als erdrückende Stille in seinen Gedanken zurück.
Immer wieder ertappte er sich dabei, etwas zu tun, was sich einfach falsch anfühlte. Zugleich wurde ihm allmählich bewusst, dass es ihn trotz allem glücklich machte, wenn die Menschen um ihn herum Lachten und er selbst dieses Lachen verursachte.
An manchen Tagen verbrachte er seine Pause weder in seinem Zimmer noch auf dem Dorfplatz. Es zog ihn immer wieder zum Haus der Familie Vargas. Luna hatte immer einen Teller Essen für ihn. Sie aßen mit ihren Geschwistern und Abuela Berta.
Luna verstand es, ihre Geschwister zu beschäftigen, ohne sie explizit wegzuschicken und so verhinderte sie, dass ihn die Kinder einnahmen. Camilo durfte neben ihnen im Wohnzimmer sitzen, während sie malten oder schreiben lernten und Luna im Obergeschoss die Pflege ihrer Abuela übernahm.
Camilo wartete jedes Mal, bis sie zurückkehrte. Bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Oft blieb keine Zeit sich mit Luna zu unterhalten, doch das mussten sie auch nicht. Ihre ruhige Art reichte vollkommen aus, um ihn mit neuer Energie zu versorgen.
Sie war so anders. Die meisten im Dorf waren recht energisch, bunt und durchsetzungsfähig. Das ganze Dorf war farbenfroh, sogar die Häuser. Doch Luna nicht. Je mehr er sich mit ihr traf, desto bewusster wurde ihm, sie war bunt und vielseitig. Es war nur nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sie verschwand nur allzu schnell im Hintergrund. Inzwischen hatte Camilo einen Radar für Luna entwickelt. Sie zog seinen Blick fast magisch auf sich, obwohl sie sich offenbar absichtlich unsichtbar machte.
Auch das faszinierte Camilo, es war so neu und ungewohnt. Fragen diesbezüglich wich sie aus und so hakte er nicht weiter nach. Auch seine Angebote, mit ihr ins Dorf zu gehen schienen sie eher zu verängstigen. Es begeisterte sie aber, wenn er Gebäck mitbrachte oder Blumen und wenn er berichtete, wie das Dorf heute von Isabella geschmückt worden war.
Dieses neugierige und dennoch enorm schüchterne Wesen stellte ihn vor das schwerste Rätsel, seines siebzehnjährigen Lebens. Camilo las die Dorfbewohner wie ein offenes Buch, er spürte, was sie brauchten, und brauchte dazu kaum Informationen von ihnen. Doch Luna war anders. Sie überraschte ihn mit allem, was sie tat oder nicht tat.
Camilo spürte, dass sie sehr am Dorf interessiert war, vielleicht traute sie sich nur nicht dorthin. Oder überinterpretierte Camilo ihr Interesse vielleicht?
Dennoch, je mehr Zeit er ohne Aufgabe im Haus der Familie verbrachte, desto deutlicher wurde es, dass Luna kaum Freizeit hatte. Sie hielt das Haus sauber, pflegte ihre Großmutter und passte auf die Kinder auf. Sie brachte ihnen schreiben und lesen bei und achtete auf eine gesunde Ernährung. War sie wirklich erst sechzehn Jahre alt?
Eines Abends, während er in der üblichen dunklen Gasse auf Luna wartete, entschied Camilo, einen Schritt zu wagen, der ihm seit Tagen im Kopf herumgeisterte. Der Himmel war gerade in den üblichen zarten Pfirsich-rosa der Dämmerung gefärbt. Sein Lächeln fiel ihm leichter, doch er war auch eine Spur nervös.
Als Luna sich kurz darauf neben ihn setzte, erschrak er leicht. Camilo hatte ihre Ankunft nicht bemerkt. Doch an diesem Abend war etwas anders. Etwas, das ihm nie zuvor so aufgefallen war: Die Stille zwischen ihnen war schwerer, und seine eigenen Gedanken kreisten immer wieder um das, was er vorhatte. Für ihn war es offensichtlich, dass sie sich oft im Hintergrund hielt, fast unsichtbar, inmitten der Farben und der Lautstärke, die das Dorf prägten. Sie war wie der ruhige Kern inmitten eines Sturms. Und das faszinierte ihn, aber es machte ihm auch Angst.
Die Stille dauerte eine Ewigkeit an. Doch Camilo war es noch nie so schwergefallen, jemanden zu etwas einzuladen wie jetzt. Nun, Luna war auch nicht irgendjemand. Sie war Luna. Das liebe Mädchen, welches ihn las wie ein Buch, welches nie etwas von ihm erwartete und welches sich ständig zurückzustellen schien.
„Luna… weißt Du… würdest Du morgen Mittag mit mir ins Dorf gehen?“, Camilo sah, wie ihre Augen immer größer wurden.
Doch er musste ihr einfach helfen.
„Ich habe einen kleinen Auftritt, eine Abenteuergeschichte für die Kinder… das wird lustig und ich würde mich sehr freuen“, fuhr er unsicher fort.
Die Worte platzten geradezu aus ihm heraus. Zu spät merkte er, dass er einen Fehler begangen hatte.
Luna schüttelte ruckartig den Kopf, ihre Panik war beinahe greifbar. Für einen Moment stockte Camilo der Atem und ein Kloß setzte sich in seiner Kehle fest. Als er seine Stimme wieder fand, war sie fast flehend.
„Bitte… es tut mir leid. Es war nur eine Idee… natürlich kann ich Dir die Geschichte auch jetzt erzählen“, er hoffte, damit überspielen zu können, dass er ihr Angst gemacht hatte.
Dass er ihr beinahe ein schlechtes Gewissen eingeredet hatte, wenn sie ablehnte. Ja, er hätte sich gefreut, wenn sie ihn begleitete. Doch das sollte sie nicht so unter Druck setzen, wie es offenbar getan hatte.
Die Abenteuergeschichte war spannend und Camilo erzählte sie ihr, wie er es auch den Kindern erzählen würde. Mit weiten Gesten und Verwandlungen zu Piraten und Seeleuten. Luna war eine gute Zuhörerin, sie stellte Fragen und hatte sogar einen Verbesserungsvorschlag. Am Ende hatte Camilo zumindest das Gefühl, sie wieder beruhigt zu haben.
Am nächsten Morgen erwachte Camilo mit einem neuen Plan. Er hatte Luna überfordert, weil sein Vorschlag viel zu viel gewesen war, er musste kleiner anfangen. Im Dorf waren zu viele Fremde, die Luna Angst machten. Aber in ihrer Nachbarschaft kannte sie die Menschen sicher etwas besser. Ihre Nachbarn mussten nur verstehen, was für ein wunderbarer Mensch Luna war.
Doch nach dem Familienfrühstück wurde schnell klar: heute würde Camilo keine Zeit für seinen Plan haben und Luna erst am Abend treffen können. Ein wenig enttäuscht kehrte er nach einem vollgepackten Tag zu seinem abendlichen Ritual zurück, Energie tanken bei Luna. Der Abend verlief wunderbar entspannend, Camilo erzählte Luna von seinem Tag und von seinem Bruder Antonio.
Auch am darauffolgenden Tag musste Camilo einsehen, keine Gelegenheit zu finden, Luna zu helfen. Abends genoss er eine wunderbare Stunde der Ruhe, in der seine Gedanken sich zwar verselbstständigten, doch Lunas Anwesenheit schaffte es immer wieder, Camilo zu beruhigen. Inzwischen freute er sich riesig auf den Moment, an dem er endlich alles klar machen würde, wie wertvoll dieses schüchterne Mädchen war.
Es dauerte weitere zwei Tage, bis sich die erste Gelegenheit bot, seinen Plan umzusetzen. Aber am Mittag konnte Camilo endlich loslegen. Lässig lehnte er an der Hauswand der Familie Vargas. Seine schüchterne Freundin kam aus dem Haus, mit einem Besen und einem Eimer. Perfekt, dachte Camilo lächelnd. Er begrüßte Luna voller Vorfreude und sah ihr zu, wie sie den Weg vor ihrem Haus zu fegen begann.
Nach einer Weile tauchten auch endlich Damen aus der Nachbarschaft auf der Straße auf. Camilo erkannte sofort Señora Martinéz, Señora Ródrigez und Señora Ruíz. Er begrüßte die Damen auf seine übliche überschwängliche Art. Wie immer freuten sie sich ihn zu sehen und dass er mit ihnen quatschte.
„Da fällt mir ein, habt ihr eigentlich schon mal Lunas Ajiaco probiert? Das Beste der ganzen Stadt! Ich meine es ernst“, genau in dem Moment ging im Haus gegenüber eine Tür auf.
Doch Camilo wandte sich bereits Luna zu, um sie in das Gespräch einzubeziehen.
Camilos Herz blieb für einige Sekunden stehen. Sie reagierte nicht, wie er erwartet hatte. Ein einziger Blick auf Luna verriet ihr Unbehagen, sie war komplett erstarrt und starrte, ohne zu blinzeln auf den Boden. Sie hatte mitten beim Fegen aufgehört sich zu bewegen.
„Wirklich Schätzchen? Das würde ich zu gern probieren. Hast Du vielleicht ein Rezept für uns?“, hörte Camilo Señora Ruíz hinter sich warmherzig fragen.
Sie war wirklich unglaublich lieb und interessierte sich immer sehr für neue Rezepte. Doch dann ertönte eine Stimme, mit der er nicht gerechnet hatte. Natalia Ruíz, Mariannas beste Freundin, tauchte mit strahlendem Lächeln neben Camilo auf.
„Oh ja, Camilo. Luna kocht wirklich… besonders“, sagte sie lieblich und mit einem wissenden Blick über Luna. Diese krallte ihre Hände um den Besen, bis ihre Knöchel weiß wurden.
Hier war Camilos Chance, ihr Mut zu machen. Strahlend fragte er „siehst Du Luna? Die Leute wissen, was Du kannst“.
Natalia nickte süß und warf dabei ihr langes schwarzes Haar zurück „ich muss leider los, bis bald Luna“.
Mit einem letzten Blick über die Schulter ging Natalia die Straße entlang. In die Richtung aus der ihre Mutter gerade gekommen war.
Überrascht sah Camilo wie Luna sich abrupt umwandte und ohne den Eimer ins Haus flüchtete.
„Sie ist wirklich sehr still“, kommentierte Señora Ródrigez.
Camilo starrte verwirrt auf die geschlossene Tür der Familie Vargas. Was war gerade schief gegangen? Alle hatten nett reagiert, Luna war überhaupt nichts Schlimmes oder Beängstigendes passiert. Sie kannte diese Frauen und sogar Natalia war diesmal lieb gewesen. Sein letztes aufeinandertreffen als Luna mit den Mädchen musste also wirklich ein Missverständnis gewesen sein. Die Mädchen waren doch immer lieb gewesen.
Die Last der Rücksicht
Am Abend ging Camilo wie üblich zum Treffpunkt. Doch der kleine Platz zwischen den Gassen war menschenleer. Er setzte sich, Luna kam manchmal nach Camilo an. Obwohl er heute recht spät dran war. Der Tag war nicht besonders erfolgreich gewesen. Nach der Mittagspause war er viel zu unkonzentriert gewesen und hatte viele Fehler gemacht.
Was war heute passiert? Wie konnte sein Plan nur so furchtbar nach hinten losgegangen sein? Noch immer verstand er nicht, was das Problem gewesen war. Egal wie sehr er sich den Kopf zerbrach.
Doch Luna tauchte auch nach einer Stunde nicht auf. Vielleicht brauchte sie etwas Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten. Niedergeschlagen kehrte Camilo zurück nach Hause.
Zwei Tage waren vergangen, seit er Luna vor ihrem Haus getroffen hatte. Er wartete erneut an ihrem abendlichen Treffpunkt. Es war ein warmer Abend, es wehte kaum ein Lüftchen. In einer kleinen Pfütze leuchteten zwei Lampen schwach glitzernd. Ob Lunas Augen gerade auch so traurig aussahen? Hatte sie traurig ausgesehen, als sie ins Haus geflüchtet war? Genau hatte er ihr Gesicht nicht sehen können, da sie wirklich schnell sein konnte. Aber obwohl Camilo über eine Stunde wartete, tauchte seine schüchterne Freundin erneut nicht auf.
Der nächste Tag war wieder einmal sehr stressig für den jungen Entertainer. Vier Familien brauchten seine Hilfe und dadurch musste er seine Mittagspause opfern, um den Kindern im Dorf die neuste Geschichte zu erzählen. Außerdem hatte er inzwischen ständig einen stechenden Blick von Matéo auf sich, wann immer sie aufeinandertrafen. Am Abend machte er sich jedoch sehr früh auf den Weg zu seinem Platz der Ruhe. Er hatte den Dorfbewohnern gesagt, dass er ziemlich müde war, was auch der Wahrheit entsprach.
Die Sonne stand tief, aber die Dämmerung hatte noch nicht begonnen, als Camilo sich auf den Boden setzte. Er lehnte sie auf seine Arme zurück und lies seine Gedanken erneut um das Gespräch mit Luna und den Señoras kreisen.
Obwohl er wartete, bis der Mond weit über den Häusern stand, tauchte Luna erneut nicht auf. Mit der Hoffnung auf den nächsten Tag wandte sich Camilo dem Heimweg zu. Nun wurde er doch allmählich unruhig. Was, wenn nie wieder auftauchte? fragte er sich mit rasendem Herzschlag und eiskalten Händen. Die Übelkeit in seiner Magengegend wurde zunehmend unangenehmer.
Camilo hielt es nicht mehr aus, er hatte die ganze Nacht wach im Bett gelegen und nur auf den Sonnenaufgang gewartet. Er konnte sich kaum konzentrieren und war leicht reizbar, während er seine Aufgaben erledigte. Zur Mittagspause ließ er alle im Dorf stehen und ging unsicher zum Haus der Familie Vargas. Unschlüssig stand er vor ihrer Tür. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Doch bevor er etwas machen konnte, hörte er Stimmen.
Er erkannte Natalias Stimme und verwandelte sich aus einem Reflex heraus in Valerí.
„Ich wette, Camilo hat einfach Mitleid mit der Stummen“, sagte sie mit einer ungewohnt bissigen Stimme.
Sofia nickte lebhaft „Camilo ist einfach zu nett“.
Marianna schnalzte abwertend mit der Zunge, dann erwiderte sie „das Mädchen sollte ihren Platz doch kennen“.
Ungewöhnlicherweise stellte Camilo fest, dass die Mädchen nur zu dritt unterwegs waren. Sie würdigten ihn keines Blickes, als sie im Haus gegenüber verschwanden.
Bevor die Tür geschlossen war, sagte Natalia „seit wann spielt die überhaupt eine Rolle?“.
Camilo wurde schlecht. Er hatte einen furchtbaren Fehler begangen. Vielleicht den schlimmsten bisher. Er hatte Luna nicht geholfen, er hatte ihr aktiv geschadet. Sein Unverständnis wandelte sich in erdrückende Schuld. Was hatte er nur angerichtet?
In seinem Kopf dröhnte es und in seiner Brust drückte sich etwas schmerzlich zusammen. Er musste hier weg. Durch sein Eingreifen war Luna in ernsten Schwierigkeiten, sie war zur Zielscheibe der Mädchen geworden, von denen Camilo nicht hatte glauben wollen, dass sie nicht so nett waren, wie er immer dachte.
Erst als er mehrere Gassen vom Haus entfernt war, bliebt er stehen. Wann Camilo seine eigene Gestalt wieder angenommen hatte, wusste er nicht, doch er sah auf seine eigenen Hände runter. Sie zitterten. Eine seiner braunen Locken fiel ihm vor die Augen und er wischte sie zur Seite. Dabei bemerkte er auf seiner Stirn kleine Schweißperlen. War er etwa gerannt?
Seine Gedanken rasten und er schaffte es keinen einzigen Gedanken zu erfassen. Doch plötzlich kam die Erkenntnis wie ein Faustschlag. Die Mädchen sind nett zu mir, aber nicht zu Luna. Ich habe Luna geschadet und sie angreifbar gemacht.
Camilo sank in die Hocke, seine Knie gaben einfach nach. Er war Teil des Problems, nicht die Lösung. Seine ganze Art zu sein half Luna nicht im Geringsten, denn sie war anders. Er hatte versucht, sie auf seine Art zu befreien, doch was sie brauchte, war ihre Art. Sie brauchte Unterstützung, nicht Aufmerksamkeit.
Am nächsten Tag fühlte Camilo sich krank und blieb daher in seinem Zimmer. Es war, als hätte er Fieber doch in Wahrheit erdrückte ihn seine Schuld. Er hatte die ganze Nacht nicht schlafen können. Seine Brust fühlte sich an, als würde sie zwischen zwei Wänden zusammengedrückt und ihm war so übel, dass er nichts essen konnte. Selbst wenn, wäre es sicher an dem Kloß in seinem Hals stecken geblieben.
Seine Familie hatte sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte und ihn in sein Zimmer entlassen. Heute würde er keine Aufgaben im Dorf erledigen. Nach einer Weile war sein Vater mit der heilenden Suppe seiner Tante Julieta herein. Er setzte sich an den Rand von Camilos Bett und sagte nichts.
Als die Suppe hinuntergewürgt war, stand Félix auf und sagte „Lass Dir Zeit. Morgen ist auch ein Tag“.
Dann ging er mit der leeren Schüssel aus dem Zimmer.
Kaum war Camilo wieder allein, flossen die Tränen. Er blieb stumm. Doch seine Gedanken rasten genauso chaotisch und lautstark wie am Tag zuvor. Camilo musste etwas tun, doch was er auch tat, machte alles nur schlimmer. Vielleicht hatte er sie bereits verloren. Übelnehmen konnte er es ihr nicht.
Abuela Alma teilte ihm am nächsten Tag keine direkte Aufgabe zu. Falls es ihm besser ging, solle er einfach zum Dorfplatz gehen und dort helfen oder die Kinder beschäftigen. Genau das tat er auch. Camilo schlenderte über den Dorfplatz, grüßte seine Freunde und alle im Dorf. Sie alle hatten sich Sorgen gemacht, als er gestern nicht da gewesen war.
Gegen Mittag machte sich Camilo auf den Weg zum Haus der Vargas. Es war beinahe automatisch geschehen und als er merkte, wo er hin ging, traf er einen unsicheren Entschluss. Ein weiterer Versuch. Er durfte Luna nicht verlieren.
Doch als er vor der Tür stand, wurde ihm bewusst, es ging nicht um ihn. Lunas Gefühle wurden verletzt. Wenn er sich ihr nun aufzwang, würde er es nur schwerer für sie machen. Darum drehte er sich schweren Herzen um und ging langsam zurück zum Dorfplatz. Camilo fehlte die Kraft, um vom Boden aufzusehen oder die Schultern zu straffen. Doch als er wieder unter den Dorfbewohnern ankam, setze er seine übliche fröhliche Maske auf.
Am Abend setzte er sich vollkommen erschöpft und ohne jede Hoffnung auf den Boden des Platzes, an dem er immer wartete. Lunas Platz. Der Platz, an dem er sie hatte, singen und lachen hören. Der Platz, an dem er sich zum ersten Mal hatte öffnen können.
Da waren leise Schritte. Das musste einfach Einbildung sein. Es war unmöglich. Luna setzte sich mit etwas Abstand neben ihn. Camilos Herz drohte aus seiner Brust zu springen. Eine ganze Weile lang war nichts zu hören, als das leichte Rascheln des kleinen Baumes über ihnen.
„Luna… ich…“, setzte er mit brüchiger Stimme an.
Was sollte er nur sagen? Nichts konnte wieder gut machen, was er nicht hatte sehen wollen. Was er getan hatte.
„Ich wollte… ich dachte, wenn… wenn die Leute sehen, wie toll Du bist…“, Camilo brach ab.
Das waren nicht die richtigen Worte.
„Nein. Das ist es nicht. Ich…“, seine Stimme brach wieder ein, dann fuhr er leiser Richtung Boden fort „ich habe es nicht verstanden… was ich Dir angetan habe“.
Ein unsicherer Blick in Lunas Richtung. Sie beobachtete ihn. Doch sie lief nicht davon und sie sah auch nicht aus, als würde sie ihn verstoßen. Sofort fühlte er sich schlecht. Er hatte nicht das Recht erleichtert zu sein.
Nach einigen Sekunden der Stille nahm Camilo seinen Monolog wieder auf.
„Ich habe gehört, wie Natalia mit ihren Freundinnen über Dich geredet haben… danach“, er schickte einen weiteren unsicheren Blick in Lunas Richtung.
Dann fuhr er mit brennenden Augen und zittriger Stimme fort „Aufmerksamkeit… für mich ist das… das ist, wie ich atme. Aber für Dich…“.
Camilo musste schwer schlucken.
„Für Dich ist es wie ertrinken“, schloss er abgehackt.
Luna schwieg für einige Minuten, doch sie stand nicht auf und sie sah nicht mehr ganz so traurig aus, wie zu Beginn. Ob er es sich einbildete oder nicht, wusste Camilo nicht. Doch ihre Augen glänzten.
Dann sagte sie beinahe flüsternd „ich glaube Dir“.
Sofort wurde Camilo leichter ums Herz. Dennoch wartete er weiter ab. Die Stille war schwer für ihn zu ertragen. Luna atmete einmal tief ein, dann sagte sie etwas, Camilo glücklicher machte als er zu hoffen gewagt hatte.
Sie sagte „ich vertraue Dir“.
Sein Herzschlag musste auf dem ganzen Platz zu hören sein. Luna schien es zu hören, oder las sie einfach aus seinem Gesicht? Mit einem verlegenen Kichern wandte sie sich kurz ab, bevor sie ihn erneut ansah.
Dann sagte sie kichernd „lass es raus“.
Camilo verstand sofort, er durfte bei ihr noch immer er selbst sein. Gerade war eine unerträgliche Last von ihm genommen worden.
Vertrauen
Die Tage waren warm und still. Die Luft über dem Dorfplatz flimmerte gegen Mittag und die Schatten der Häuser wurden kürzer. Die Händler fächelten sich Luft zu und selbst die Kinder suchten gegen Mittag den Schatten.
Camilo nicht. Er kannte das Dorf in jedem Licht und bei jeder Hitze. Er erledigte seine Aufgaben wie immer, grüßte jeden beim Namen und hatte immer einen Scherz bereit. Doch abends verschwand er pünktlich, ohne dass jemand ihn aufhalten konnte.
Dolores bemerkte es natürlich als erste. Sie saß eines Abends auf der Treppe der Casita, als er an ihr vorbei wollte.
„In letzter Zeit höre ich jeden Abend eine neue Stimme, die sich mit Dir unterhält“, sagte sie beiläufig, ohne aufzublicken. „Eine angenehm ruhige.“
Camilo blieb stehen. „Keine Ahnung wovon Du redest.“
Dolores betrachtete die Blumen neben dem Haus. „Lüg nicht so laut, ich höre deinen Herzschlag.“
Er ging die Treppe hinauf, ohne zu antworten. Doch auf der obersten Stufe drehte er sich noch einmal um. Dolores sah glücklich in die Ferne.
Camilo arbeitete im Dorf und abends traf er Luna auf dem kleinen Platz. Alles hatte sich geändert und zugleich nichts. Jetzt hörte Camilo meistens zu, während Luna ihm erzählte, was sie beschäftigte. Wenn sie nicht gerade stumm nebeneinandersaßen. Ob es ein neues Bild war, welches sie malte oder was sie ihren Geschwistern heute beigebracht hatte. Luna malte richtig gut, sie hatte ein kleines Buch mit Zeichnungen, aber sie malte auch ihre eigene Haut an und die der Kinder.
Eines Abends hatte sie ihm die Malereien auf ihren Oberarmen, versteckt durch die Ärmel ihres Hemds, gezeigt. Erstaunt hatte Camilo festgestellt, dass sie wunderschöne, filigrane Pflanzen und Tierbilder malte. Auf Haut zu malen, musste sehr schwer sein. Camilo konnte ja nicht einmal einen Baum auf einem Blatt Papier malen. Doch sie malte auf ihren Armen und in den Gesichtern der Kinder mit allen Unebenheiten genauso schön wie auf einem Blatt.
Damit hatte sich ein kleines Rätsel gelüftet, welches er sich schon länger stellte. Die Kinder der Familie Vargas kamen zu jedem Dorffest mit einem beeindruckenden und immer passenden Gemälde auf ihren Gesichtern. Die Künstlerin war also Luna und nicht wie bisher angenommen ihre Mutter Elena.
Heute Abend saßen die beiden wie so oft still nebeneinander. Anfangs hatte Camilo damit Schwierigkeiten gehabt. Doch inzwischen genoss auch er die Ruhe. So konnte er nachdenken und den Tag an sich vorbeiziehen lassen. Was er früher nie getan hatte. Er war immer so unter Strom gewesen. Erst jetzt verstand er, was Pause wirklich bedeutete. Außerdem hatte er dadurch die Gelegenheit sich wirklich selbst zu entdecken. Keine Rolle. Einfach Camilo.
„Möchtest Du morgen zum Mittag mit uns essen?“, fragte Luna plötzlich in die Stille hinein.
Sie lächelte ihn freundlich an „ich könnte Dir danach noch mehr meiner Bilder zeigen“.
Camilo öffnete den Mund, schloss ihn und öffnete ihn dann wieder „ich würde mich sehr freuen. Ich war mir nicht sicher…“.
Luna nickte verständnisvoll, „danke, dass Du auf meine Einladung gewartet hast“.
Sie war ihm inzwischen wieder so vertraut und nahe, wie vor Camilos schrecklichen Fehler. Luna hatte sogar wieder zu singen angefangen. Das allein erhellte seinen Tag um das Zehnfache, dennoch hatte er sich seither nicht mehr getraut, sie zuhause zu besuchen. Er hatte daran gezweifelt, schon wieder willkommen zu sein.
Nichts, aber auch gar nichts hätte Camilo am nächsten Tag aufhalten können. Den ganzen Tag über war er gut gelaunt im Dorf herum gehüpft. Er verspürte ständig den Drang, zu singen und zu tanzen. Als es Zeit für eine Pause wurde, eilte er zum Haus der Familie Vargas. Matéo öffnete die Tür.
Der Elfjährige blickte ihn nach wie vor argwöhnisch an. Er würde ihm nicht so leicht verzeihen. Obwohl Camilo glaubte, dass er nicht wusste, was Camilo seiner Schwester angetan hatte. Hoffentlich blieb das auch so. Dennoch wusste Matéo, dass etwas passiert sein musste und dass es offenbar mit Camilo zu tun hatte.
Einen Augenblick blieb Matéo in der Tür stehen, dann begrüßte er ihn freundlich und ging ins Haus. Valerí und Tómas begrüßten ihn wie üblich voller Energie und Freude. Nachdem er auch Luna in der Küche begrüßt hatte, setzte Camilo sich mit den Kindern ins Familienzimmer. Der Esstisch war bereits für sechs gedeckt und so blieb ihm und den Kindern nichts übrig, als zu warten.
Abuela Berta schlurfte schwerfällig in den Raum und setzte sich in einen Sessel mit Blick auf Camilo. Sie beobachtete ihn streng, beinahe bohrend.
Dann beugte sie sich leicht in seine Richtung „gut, dass Du nie geklopft hast. Sie funktioniert anders. Respekt und Geduld sind wichtige Eigenschaften“.
Der tanzende Vogel
Sie wusste es und sie hatte ihn wahrscheinlich vor der Tür stehen sehen. Erschrocken sah Camilo sie an und nickte beschämt. Er wusste nichts darauf zu antworten. Matéo beobachtete seine Großmutter und Camilo aufmerksam, seine Geschwister jedoch verstanden es nicht.
„Aber Camilo hat geklopft, Matéo hat ihn reingelassen“, sagte Valerí verwirrt.
Luna erlöste Camilo indem sie in der Tür stand und alle zum Essen bat. Es schmeckte herrlich. Heute hatte Luna Bandeja Paisa mit Arepas und Patacones. Das herrliche, gebratene Fleisch und der Maisfladen waren perfekt, doch nichts schmeckte so herrlich frisch und süß wie Lunas frittierte Kochbananen. Es gab keine typische Luna-Besonderheit am Essen, doch das brauchte es auch nicht. Camilo und Matéo lieferten sich einen erbitterten Kampf, wer mehr essen konnte und am Ende schien Matéo nicht mehr so schlecht auf ihn anzusprechen zu sein.
Nach dem Essen gingen die Kinder zu ihren Freunden spielen und nachdem Abuela Berta sich hinterm Haus mit einem Tee in einen Stuhl gesetzt hatte, führte Luna Camilo nach oben. Es gab vier Schlafzimmer, Elena und Ricardo schliefen am Ende des kleinen Flurs vor Kopf. Davor waren zu beiden Seiten zwei Zimmer, links das Zimmer der Jungen und rechts das Zimmer von Luna und Valerí. Neben der Treppe befand sich ein kleines Bad und hinter der Treppe, durch einen schmalen Gang erreichbar, lag das Zimmer von Berta.
Das Zimmer der Mädchen war bedeckt von bunten Bildern, sogar an der Decke hingen welche. Alle zeigten Pflanzen, Blumen oder Tiere. Beeindruckt sah Camilo sich im Zimmer um.
„Hier würde es Antonio gefallen“, bemerkte er geistesabwesend.
Ein Bild gefiel ihm besonders gut. Es zeigte ein Capybara vor einem See oder großen Teich. Drum herum waren viele Regenwald-Bäume. Doch das Capybara sah nicht natürlich aus. Es hatte rosa und türkise Kringel, kleine Sterne und elegant geschwungene Linien auf seinem Fell. Der ganze Körper war bedeckt. Nase und Ohren waren in einem dunklen Lila gefärbt, passend zu seinen Augen.
Ein anderes Bild faszinierte ihn ebenfalls. Ein Vogel, ein roter Vogel, der seine Federn in allen Farben aufgestellt hatte und mit den Beinen eine Art Kreuzschritt formte. Es sah aus, als würde er jeden Moment aus dem Bild tanzen. Erstaunt drehte er sich zu Luna um. Sie lächelte verlegen.
„Das bist Du“, sagte sie mit Blick auf den tanzenden Vogel.
Camilo sah erneut hin. Der Vogel blickte aus sanften dunklen Augen zu ihm zurück. Das Gefieder war sehr detailliert und kleine gelbe Federn standen ihm vom Kopf ab. Jede einzelne Feder hatte ein kaum erkennbares Punktmuster am äußeren Rand. Doch dadurch schien das Gefieder des Vogels zu leuchten.
Camilo stockte der Atem, so gerührt war er. Sie hatte ihn gemalt. Auf ihre Art, wie sie ihn sah. Ein prüfender Blick im Raum bestätigte seine Vermutung. Nahezu jeder Dorfbewohner war hier als Tier verewigt. Camilo glaubte sogar in einigen der Pflanzen einige Charaktere wiederzuerkennen. Dort war ein Leopard, der umringt war von verschiedenen Vögeln und Affen. Seine freundlichen Augen blickten liebevoll auf einen Tukan neben seiner Pfote.
„Antonio“, flüsterte Camilo matt.
„Bist Du auch hier?“, fragte Camilo suchend und noch bevor er eine Antwort bekam, stand er wieder vor dem Capybara.
Es war das einzige Tier, welches unnatürlich, aber wunderschön aussah.
Er berührte es sanft „das bist Du“.
In einer Sache hatte er sich also nicht geirrt. Luna wollte ein Teil des Dorfes sein, sie beobachtete alles ganz genau. Sie sah alles und daher hatte sie ihn von Anfang an durchschauen können. Aber sie wollte keine Aufmerksamkeit auf sich. Luna wusste natürlich, dass sie anders war.
„Es ist wunderschön“, flüsterte Camilo und noch bevor er sich beherrschen konnte, fragte er „kann ich… darf ich das haben?“.
Luna sah erschrocken aus, aber nicht unangenehm oder ängstlich. Dann nickte sie. Camilo steckte das Bild ein, wie einen Schatz und genau das war es auch für ihn. Er besaß nun ein Bild von Luna.
Die Mittagspause war wieder einmal viel zu schnell verflogen und so musste Camilo zu seiner nächsten Aufgabe. Als Camilo sich zu Berta hinunterbeugte, um sich zu verabschieden, hielt sie seine Art überraschend fest.
In einem leicht bedrohlichen Flüsterton „Dein Herz ist am rechten Fleck, Junge, mach etwas draus“.
Einkauf im Dorf
Camilo besuchte Luna jetzt wieder oft zuhause, wann immer er die Gelegenheit hatte, und heute war ein besonderer Tag. Luna hatte ihn gestern Abend gebeten, mit ihm ins Dorf zu gehen. Sie wollte einkaufen, was sonst ihre Mutter nach der Arbeit erledigte. Er durfte sie begleiten. Daher stand er bereits morgens vor ihrem Haus und wartete.
Am Morgen war der Dorfplatz noch sehr ruhig und daher war es die beste Möglichkeit, Luna langsam an das Dorfleben zu gewöhnen. Camilo hatte außerdem den Plan erarbeitet, jegliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sollte Luna überfordert werden. So konnte sie sich hinter ihm verstecken. Lunas Bild von ihm hatte ihn auf die Idee gebracht.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt breit, genau wie am Tag ihres Kennenlernens. Ein leises Kichern konnte Camilo einfach nicht unterdrücken. Stattdessen stieß er kurz und schnell Luft aus seinem nahezu geschlossenen Mund. Er räusperte sich „Hóla, brauchst Du vielleicht noch einen Moment?“.
Luna schüttelte zaghaft den Kopf und nach wenigen Sekunden schloss sie die Tür von außen, stand aber weiter mit dem Rücken an der Tür. Camilo grinste amüsiert „Luna, Du bist so mutig. Ich bin bei Dir“. Er streckte ihr die Hand hin und wartete, bis Luna sich bewegte.
Als sie einen Schritt auf ihn zu tat, lies Camilo seine Hand sinken „am besten, ich gehe erst einmal vor. Bleib in meiner Nähe“. Ganz langsam ging er voraus und schon nach wenigen Schritten spürte er, ein minimales Zucken an seinem Poncho. Erst dachte er, er sei irgendwo hängen geblieben. Doch dann sah er die zierliche Hand, die mit zwei Fingerspitzen den äußersten Rand eines dekorativen Bandes seines Ponchos hielt.
Lunas Hand zitterte und war eiskalt, als Camilo sie von seinem Poncho zog und mit seiner eigenen Hand festhielt. Doch heute durfte nichts schief gehen, dieser Ausflug war extrem wichtig für Luna. Camilo musste die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, egal wie.
Mit Lunas Hand im Rücken haltend ging Camilo langsam in Richtung Dorfplatz, bei jedem Zucken ihrer Finger blieb Camilo kurz stehen, um ihr eine hübsche Blume zu zeigen oder einen kleinen Vogel. Dieser Teil des Plans funktionierte reibungslos.
Am Dorfrand angekommen, blieben sie einen Moment wortlos stehen. So konnte Luna hinter Camilos Rücken hervorschauen und den belebten Platz in sich aufnehmen.
„Salat, Spinat, Bodenwurzelgemüse und frische Kräuter findest Du dort bei Señor Cruz. Aber ich würde zuerst zu Señora Ródrigez gehen, ihr Gemüse ist wirklich klasse. Paprika, Mais, Gurke, Fríjol cargamanto, was Du willst“, Camilo sprach betont leise und deutete nur leicht in die groben Richtungen, „außerdem sehr leckere Arracacha-Knollen und Ahuyama“.
„Bei Señora Gárcía findest Du dann Guascas, Cilantro und Hierbabuena und sowas…“, Camilo überlegte kurz, „den Laden kennst Du glaube ich. Der Laden ist etwas außerhalb des Dorfplatzes. Sollen wir da starten?“.
Die Frage war eigentlich unnötig gewesen und doch hatte er sie stellen müssen. Luna nickte und versteckte sich wieder hinter seinem Rücken. Sie war einfach zu niedlich. Camilo hatte Schwierigkeiten, sie nicht zu umarmen. Als ihm das bewusst wurde, stutzte er und vergaß sogar kurz, weiterzugehen.
Mit einem Mal spürte er, etwas in ihm war anders geworden. Aber nicht erst jetzt. Es war ganz langsam gewachsen, seit diese Freundschaft sich entwickelt hatte oder war es schon seit er sie kennen gelernt hatte?
Luna bewegte sich ganz langsam und zitternd, bis sie neben ihm stand. Noch immer klammerte sie sich an seine Hand. In ihrem Gesicht las er erschreckende Panik, dennoch lächelte sie ihm verkrampft zu. Dann zog sie ihn einen Schritt weiter voran. Camilo drückte ihre Hand kurz entschuldigend.
Als die beiden am Dorfrand entlang schlichen, kamen immer wieder Dorfbewohner zur Begrüßung zu Camilo und jedes Mal versuchte Luna ihre Hand aus seiner zu ziehen. Doch er hielt sie eisern fest, unsichtbar durch seinen Poncho. Camilo wimmelte alle schnell ab und zog Luna weiter. Immer darauf bedacht, sie zu verdecken. Er würde sie wirklich vor allem beschützen, egal wen er hier vor den Kopf stoßen musste, es kümmerte Camilo nicht im Geringsten.
Bis zum Kräuterladen passierte nichts weiter Aufregendes und im Laden ging Luna richtig auf. Sie roch die verschiedenen Gewürze und überlegte laut – naja, flüsternd – ob das Gewürz zu diesem oder jenem Gericht passen würde. Am Ende kaufte sie einige Papiertüten mit Gewürzen, welche sich gut bei Krankheit oder Altersbeschwerden machten.
Allein dieser kurze Ausflug war unheimlich niedlich gewesen und hatte Camilo einmal mehr überzeugt, was für ein lieber Mensch Luna war. Alles, was sie tat, war durchdacht und diente einem Ziel. Einem, welches vor allem ihrer Familie diente. Camilo hegte auch die leise Vorahnung, dass sie einkaufen, lernen wollte, um ihrer Mutter zu helfen, nicht sich selbst.
Auf dem Dorfplatz verloren sich die beiden leider, da Camilo eine riesige Show veranstaltete, nachdem jemand Lunas Namen gesagt hatte und sie beinahe davongerannt wäre. Dadurch konnte Camilo nicht länger in ihrer Nähe bleiben, aber Luna schaffte es alle Einkäufe zu erledigen. Es gefiel ihm nicht, sie allein umher laufen zu lassen. War er schon immer so anhänglich gewesen? Als sie fertig war, winkte Luna kurz in Richtung Elenas Café. Camilo verstand den Wink und sie betrat den Laden allein.
Wenige Minuten später verkündete Camilo, dass er eine Pause brauchen könnte und betrat ebenfalls das Café. Elena und ihre Tochter redeten leise hinter der Theke. Sonst waren nur zwei Gäste im Raum, Junacho, wie üblich zittrig aufgeputscht vom Kaffee und Maurício, einen etwas hektischen Mann, der mit seinem Kaffee seelenruhig eine Zeitung las.
Elena hatte drei Tassen Tee gekocht, zwei standen bereits dampfend vor ihr und Luna. Die dritte schien für ihn bestimmt.
Freudig trat er an die Theke „Hóla Señoras“, er zwinkerte ihnen zu.
Luna schien etwas irritiert, sagte aber nichts.
Elena blickte ihm freundlich, aber durchdringend in die Augen, während sie antwortete „Hóla Camilo. Nett von Dir, meine Luna auf ihrem großen Einkauf zu begleiten. Seid ihr schön länger Freunde?“.
Nun wusste Camilo wenigsten, woher Luna diesen entwaffnend, durchschauenden Blick hatte.
Er zeigte ihr sein breites Lächeln „es macht mir besonders Spaß meinen Freunden zu helfen“.
Elena nickte mit einem sanften Lächeln, dann wandte sie sich ihrer Tochter zu „Spätzchen, holst Du mir das Mehl aus der Kammer, ich muss gleich neue Snacks backen“.
Camilo wollte schon los gehen, als Elena ihn mit einem Kopfschütteln ermahnte, den Luna nicht sah.
Kaum war Luna gegangen, wandte Elena ihr Gesicht zu Camilo. Sie sah streng aus, ungewohnt streng.
„Sie ist anders. Ricardo macht sich Sorgen. Er glaubt, sie ist unglücklich so allein.
Ich weiß nicht, wie ich es ihm erklären kann“, ihr Blick resignierte ein wenig, dann setzte sie erneut an „überfordere Luna nicht. Zwing sie zu nichts und wenn ich merke, dass Du ihr schadest, mach Dich auf etwas gefasst!“.
Der letzte Satz war eine Drohung, das verstand Camilo auch ohne den erhobenen Zeigefinger.
Kleinlaut antwortete Camilo der Bodendiele unter ihm „Luna ist glücklich. Sie ist der liebste und interessanteste Mensch, den ich je getroffen habe. Luna mag still sein, doch mich hinterlässt sie immer im Sturm“.
Er blickte kurz an die Stelle, an der Luna verschwunden war, dann sah er Elena in die Augen „Luna ist glücklich, aber sie möchte auch das wahre Leben im Dorf kennenlernen“, dann fuhr er mit fester Stimme fort „und das biete ich ihr. Ich verstecke sie unter meinem Schutz, bis sie so weit ist“.
Als Luna mehrere Minuten später wieder kam, unterhielten sich die beiden betont lässig über das Dorfleben. Bei der Verabschiedung setzte Camilo sich durch und nahm Luna zwei von drei Taschen mit Einkäufen ab.
Kaum waren sie bei Luna in der Küche am Einräumen der Einkäufe, konnte sich Camilo nicht weiter zurückhalten.
„Na, wie war Dein erster Ausflug, mi chigüi“, fragte er schelmisch. Der Spitzname war einfach in seinem Kopf aufgetaucht und er musste raus. Sie war sein mutiges, einzigartiges und unendlich charmantes Capybara.
Camilo nahm wie von selbst ihre Hand und zog sie zu sich heran, als wollte er mit ihr tanzen. Ihre Augen trafen sich und sie war nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Erschrocken ließ er sie wieder los und drückte sich verlegen gegen den Küchentisch.
So etwas hatte er noch nie gemacht, mit niemandem. Dass er so sehr nach ihrer Aufmerksamkeit verlangte, dass er, ohne zu denken handelte, hatte er sich nicht im Traum zugetraut. Erschrocken legte er seine Hand vor seinen Mund, als müsste er seine Gedanken am Herausplatzen hindern. Er würde sie wieder ängstigen, wenn er sich nicht endlich in den Griff bekam.
Luna trat unbemerkt direkt vor Camilo. Sie hatte absolut kein Geräusch dabei verursacht und sah ihrem einzigen Freund zaghaft ins Gesicht. Seine Sorge sprang ihr förmlich durch seine Stirn entgegen. Langsam nahm sie seine Hand aus seinem Gesicht und flüsterte „mach Dir keine Sorgen. Ich habe keine Angst vor Dir. Du hast mir heute sehr geholfen, ohne Dich wäre ich nur bis zum Kräuterladen gekommen“.
Ihr Lächeln dabei wirkte matt, aber glücklich. Dank seiner Hilfe. Der Teil ihrer Worte hallte in seinen Gedanken wieder und beflügelte Camilo mit so viel Leichtigkeit und Energie, dass er hätte fliegen können. Die nächsten Tage würden ein Klacks werden!
Camilos Herz schlug so laut, dass Luna es unmöglich überhören konnte. Dennoch zeigte sie kein Anzeichen. Doch in diesem Moment wurde Camilo plötzlich eine Erkenntnis klar und er wusste nicht, wie er es zuvor nicht hatte bemerken können.
Er durfte Luna nie wieder verlieren. Nicht als eine Freundin, nicht als seine beste Freundin. Das bunte Capybara. Sein Chigüiro de colores. Mi Chigüi. Luna gehörte zu ihm und er zu ihr. Er hatte sich verliebt.
Die Rolle
Der Morgen war frisch und das Dorf noch halb verschlafen, als Camilo über den Dorfplatz schlenderte. Er hatte keine dringende Aufgabe vor sich, nur den üblichen Rundgang. Schauen, wer was brauchte.
Marianna, Natalia und Sofia kamen ihm von der anderen Seite entgegen. Gabriela lief ein paar Schritte hinter den anderen, die Augen auf den Boden gerichtet.
„Camilo!“, rief Marianna und winkte überschwänglich, als hätte sie ihn seit Wochen nicht gesehen, dabei war es erst gestern gewesen. Sie lachten alle drei, laut, wie immer. „Hast Du heute Abend schon was vor?“, fragte Natalia und trat einen Schritt näher, als es nötig gewesen wäre. „Wir wollen feiern. Einfach so.“
„Mal schauen“, sagte Camilo mit seinem üblichen Grinsen. Die Mädchen lachten wieder, Sofia stupste ihn am Arm. Marianna drückte sich zwischen Sofia und ihn. Gabriela sagte nichts. Sie stand ein Stück abseits und blickte an den dreien vorbei, irgendwo in die Ferne.
Dann gingen die Mädchen weiter und Camilo auch.
Der Nachmittag brachte ihn zu Familie Hernández, wo er zwei Stunden lang als Großvater verkleidet dem echten Großvater eine Pause gönnte, damit der alte Mann endlich schlafen konnte. Die Enkelkinder merkten es erst, als Camilo beim dritten Mal Vorlesen dieselbe Seite übersprang.
Auf dem Heimweg traf er die Mädchen erneut. Diesmal zu dritt.
Alles war wie immer. Marianna rief seinen Namen, bevor er sie überhaupt richtig gesehen hatte. Die drei kamen auf ihn zu, lachend über irgendetwas, das er verpasst hatte. Sofia hakte sich kurz bei ihm ein, so wie sie es immer tat. Natalia fragte, ob er heute Abend Zeit hatte, und Marianna ergänzte schon den Plan, bevor er geantwortet hatte.
„Nur wenn ihr versprecht, dass es sich lohnt“, hörte Camilo sich sagen, und er lehnte sich dabei leicht vor, gerade genug, dass Marianna verlegen lachte. „Das versprechen wir“, sagte sie und sah ihn dabei eindringlich an.
Natalia bemerkte beiläufig, dass Marianna extra ein neues Kleid angezogen hatte.
Doch er grinste nur. Natalia stupste Sofia an und kicherte. Wenige Sekunden, dann öffnete er den Mund für die nächste Antwort und stockte.
Er wusste bereits, was er sagen würde. Die kleine Pause, die er einbaute, damit die andere Person lachen konnte. Es saß so fest in ihm, dass es einfach herauskam, ohne dass er darüber nachgedacht hatte. Ohne dass er es gewollt hatte.
So war nicht er. Das war eine Rolle. Eine, die er so oft gespielt hatte, dass sie sich wie ein zweites Gesicht anfühlte, glatt und problemlos und vollkommen leer.
Marianna sah ihn erwartungsvoll an. Natalia lachte schon, noch bevor er fertig gesprochen hatte.
Camilo räusperte sich. „Ich kann heute Abend leider nicht“, sagte er, „Antonio hat mich um etwas gebeten.“ Er zuckte mit den Schultern, bedauernd und charmant.
„Och, komm schon“, protestierte Marianna und trat noch einen halben Schritt näher. „Eine Stunde. Mehr nicht.“
„Ein anderes Mal“, sagte Camilo und meinte es diesmal auch so.
Bevor sie noch nachhaken konnten, hatte er sich bereits umgedreht und winkte lässig über die Schulter. „Viel Spaß heute Abend!“
Er hörte, wie Natalia etwas sagte und die anderen lachten. Der Klang verblasste hinter ihm.
Camilo ging langsamer. War er immer so gewesen?
Er kannte die Antwort nicht. Aber er wusste, dass er heute Abend lieber auf einem stillen Platz mit einem Guajakbaum sein wollte als irgendwo, wo er wieder eine Rolle spielen musste.
Respekt ist Arbeit
Das ganze Dorf war in Aufruhr. Camilo hatte in den letzten Wochen immer wieder Luna ins Dorf begleitet und langsam konnte er sie nicht mehr vollkommen verstecken. Insgeheim wollte er das auch nicht mehr. Er wollte, dass alle sehen, dass sie mit ihm unterwegs war. Aber das würde er ihr nicht antun. Er arbeitete bei jedem Ausflug gegen sein dringendes Bedürfnis, allen zu zeigen, dass er sie liebte. Dass er dieses großartige Mädchen als erstes entdeckt hatte.
Es geht hier nicht um Dich, ermahnte sich Camilo inzwischen wie in einer Dauerschleife. Luna war zu wichtig. Er durfte das nicht noch einmal vermasseln.
Dennoch beobachtete er mit Freude, wie die Dorfbewohner tuschelten und sich fragten, wer da bei ihm war. Luna war inzwischen auch so weit, im Dorf unterwegs zu sein, wenn es etwas geschäftiger zuging. Ein Dorffest wäre noch immer zu viel verlangt, aber sie wurde zunehmend selbstsicherer.
Heute würde sie allein ins Dorf gehen. Zur Mittagszeit. Er selbst wartete wie verabredet am Dorfplatz und gab eine Show zum Besten. Camilo war bereit, ihr zu Hilfe zu eilen, wenn nötig.
Luna tauchte leicht verspätet zwischen Pedros Dekorationsstand und Isabella auf, die gerade den Platz mit frischen Blumen schmückte. Schüchtern schlich sie in Richtung Señora Cruz, die gerade die frischen Eier ihrer Hühner in einem Strohkorb ablegte. Luna würde heute versuchen, eine Unterhaltung zu führen, ohne Camilo.
Maria Cruz war eine der freundlichsten Großmütter des Dorfes, die immer glücklich war, über ihre Hühner sprechen zu können und so war die Wahl für Lunas ersten Gesprächspartner nicht schwergefallen.
Nervös blickte er immer wieder zu Luna und ihrem Gespräch, welches er leider nicht hören konnte. Aber Marias Blick wandelte sich schnell von verwirrt zu freudig, was Camilo deutlich ausatmen ließ.
Die Kinder forderten nun wieder seine Konzentration, abgesehen von Mateo, der seinem Blick folgend, Luna entdeckte und überrascht aufsprang. Ein misstrauischer Blick zu Camilo, dann eilte er zu seiner großen Schwester.
Camilo konnte nicht ganz verhindern, neidisch zu sein. Doch er wusste, dass Luna jetzt zurechtkam. Wenn Maria einmal angefangen hatte, führte sie das Gespräch nahezu allein.
Nachdem er die heutige Geschichte über einen magischen Geist beendet hatte, legte er noch eine Tanzeinlage mit den Kindern hin.
Als er sich schließlich vom Platz löste, stand die Sonne bereits tief. Camilo schlenderte quer über den Hauptplatz des Dorfes. Er hatte noch etwas Zeit, bis zur Verabredung mit Luna. Heute würden die beiden einen Ort besuchen, den Camilo nicht kannte, der sie aber an eine seiner Geschichten erinnert hatte.
Marianna und Sofia standen scheinbar gelangweilt am Eingang der Gasse zu Mariannas zuhause. „Wo bleibt Nata?“, zischte Marianna ungeduldig. Sofia stand neben ihr und zog ihren Rock gerade, den Blick auf Marianna gerichtet.
„Ich habe keine Lust zu warten. Es ist auch viel zu warm“, stöhnte diese. Dennoch bewegte sie sich nicht vom Fleck.
Als Natalia kurz darauf zu ihren Freundinnen eilte, wandten sich beide ihr entgegen. „Endlich. Mütter reden immer lange.“ Marianna rollte kurz mit den Augen.
„Tut mir leid, Mari“, keuchte Natalia und bevor sie sich zum Gehen wenden konnte, hielt Marianna sie auf. „Warte, dreh Dich um.“ Sie korrigierte Natalias leicht zerzauste Frisur, dann ging sie den Mädchen voraus. Camilo unterdrückte ein leises Kichern.
Er erhaschte nur einen ganz kurzen Blick auf Marianna, der ihren Freundinnen verborgen blieb. Über ihr Gesicht flog ein liebevolles Lächeln. Doch einen Wimpernschlag später war sie wieder die übliche Marianna.
Camilo hatte gerade die erste Runde über den Markt gedreht, als er Marianna sah. Sie schlenderte verschlafen in Richtung Brunnen. Der übliche Treffpunkt mit ihrer Clique. Als sie ihn bemerkte, nahm sie augenblicklich ihre gewohnt edle Haltung an und die Müdigkeit schien verflogen.
„Guten Morgen Camilo“, trällerte sie. Camilo verkniff sich ein Kichern, doch das Grinsen konnte er nicht verbergen. „Bitte vergiss das sofort!“, protestierte Marianna.
„Was vergessen?“, fragte Natalia von der Seite. Sofia hatte sich bei ihr untergehakt und kicherte verlegen über die Szene vor ihr.
Marianna warf ihm einen scharfen Blick zu, dann wandte sie sich ruhig und ihren Freundinnen zu „nichts“. Camilo blickte unschuldig drein, dann fragte er, ob sie Lust hatten mit ihm einen Kaffee gegen die Müdigkeit zu trinken.
Es machte Spaß sich mit den drei Mädchen zu unterhalten. Natalia klärte alle über den neusten Gerüchten seit gestern Abend auf. Camilo unterhielt sie gelegentlich mit einer Verwandlung passend zum Tratsch.
Weil sie irgendwann zu laut dabei wurden, verließen sie das Café lachend. Sie standen abseits des großen Platzes als Marianna das Thema wechselte.
„Du bist in letzter Zeit schwer zu finden.“ Sie bedachte Camilo mit einem aufmerksamen Blick. Er antwortete in seinem üblichen Charme „freut mich, dass ihr nach mir sucht. Mi reinas“.
„Bist Du so beschäftigt? Du solltest mehr mit uns entspannen“, fragte Marianna fast beiläufig. Doch es warf Camilo völlig aus seinem Rhythmus.
Bevor er es merkte, gestand er „Luna unterhält mich, nicht ich sie“. Natalia und Sofia sahen erschrocken zu ihrer Freundin. Marianna jedoch sah ihn unverwandt aber schweigend an.
Es war zu spät. Das hatte er nicht sagen wollen und schon gar nicht so. „Marianna.“ Sein Grinsen war verschwunden.
Eine gefühlte Ewigkeit standen sie schweigend da. Bis Marianna sich rührte. „Verstehe“. Dann gingen die Mädchen und ließen den hilflosen Camilo stehen.
Freundschaft
Die Regenzeit stand bevor und Camilo zog sich in seinem Zimmer den Poncho über den Kopf. Ein kurzer Blick in seine Spiegel verriet ihm einen Blick auf alle Seiten seines Outfits. Ein breites Grinsen blickte zu ihm zurück. Doch es fühlte sich falsch an. Seit Tagen hatte Marianna nicht mehr mit ihm geredet. Sein Grinsen wurde etwas kleiner. Nun passte es.
Der Gestaltwandler verließ sein Zimmer und ging an Abuelas Zimmer vorbei. Er hörte Stimmen und wollte schon weiter gehen, als er Ricardo Vargas erkannte. In seiner Stimme lag unterdrückte Wut. Er presste die Worte geradezu heraus „Sie geht nicht mal zu den Festen, Alma! Wie soll sie da jemals Freunde finden? Ich will doch nur, dass sie lebt, wie wir alle“.
Alma berührte seine Schulter mit einer Hand und erwiderte bestimmt „Ricardo, ich habe denselben Fehler gemacht. Ich habe Isabella gezwungen, perfekt zu sein, bis sie fast daran zerbrochen ist. Aber als ich ihr Raum gab, um sie selbst zu sein, blühte sie auf“. Eine kurze Pause trat ein, dann atmete Abuela tief aus. „Luna ist wie Isabella. Sie braucht Freiheit von Erwartungen. Wenn du ihr das gibst, wird sie von selbst herauskommen.“
Doch Ricardo schüttelte energisch den Kopf. „Luna hat Pflichten zu erfüllen, sie ist alt genug und Elena und ich schaffen es nicht ohne sie.“ Er ließ den Kopf hängen „Luna… sie vermeidet es, mit anderen zu interagieren. Sie weigert sich! Sie ist sechzehn Jahre alt und macht sich nie schick oder geht shoppen, selbst wenn sie Freizeit hat“.
Camilo ballte die Hände zu Fäusten. Keiner der beiden sah genau hin. Luna zeigte sehr deutlich, dass sie weder einsam noch unglücklich war. Sie wollte nur verstanden werden. So viel hatte Camilo auf die harte Tour gelernt. Seine Einmischung jedoch könnte mehr schaden als nutzen.
Die Luft vor der Casita war schwer, aber noch nicht stickig. Lange konnte der erste Regen nicht mehr auf sich warten lassen. Der Gestaltwandler wurde wie üblich freudig begrüßt. Hier und da riefen ihm die Bewohner Bitten für spätere Aufgaben zu.
Der Dorfplatz war noch halb verschlafen. Ein paar Händler rollten ihre Planen auf, Señora Cruz streute Körner für ihre Hühner und Pedro schleppte, wie jeden Morgen seinen ersten Stapel Holz vom Lager zum Marktstand, obwohl er ihn genauso gut hätte stehen lassen können bis mittags. Camilo grüßte ihn im Vorbeigehen. Pedro nickte keuchend zurück.
Am anderen Ende des Platzes standen Marianna, Natalia und Sofia. Sie lachten über irgendetwas, die Köpfe nah beieinander. Marianna strich sich das Haar aus dem Gesicht. Natalia zeigte auf etwas in der Ferne. Sofia nickte übertrieben.
Als Camilo näherkam, hob Natalia den Blick. Ihre Augen trafen sich für einen kurzen Moment, dann wandte sie sich demonstrativ wieder zu Marianna und sagte etwas, das die anderen zum Lachen brachte.
Auf der niedrigen Mauer neben Señora Garcías Kräuterladen saß Gabriela. Sie hatte ein Buch auf den Knien aufgeschlagen, aber sie las nicht. Ihr Blick lag irgendwo zwischen den Pflastersteinen. Die anderen Mädchen waren keine zwanzig Schritte entfernt.
Camilo verlangsamte seinen Schritt einen Moment lang. Er dachte an Ricardos Stimme. Sie weigert sich. Als wäre Allein-sein gleichbedeutend mit einsam sein.
Dann rief Lucho seinen Namen und rannte auf ihn zu, die Arme ausgestreckt wie ein kleiner Tukan im Sturzflug. Camilo fing ihn auf, warf ihn einmal in die Luft und setzte ihn wieder ab. Als er kurz zur Mauer sah, hatte Gabriela das Buch aufgerichtet und las.
Der erste Auftrag des Tages kam von Señora Mendéz. Hinter ihrem Herd hatte sich eine Katze verkrochen und das Lieblingsspielzeug ihres Enkels mitgenommen. Der Spalt war zu eng für einen Erwachsenen.
Camilo sah sich kurz um, dann verwandelte er sich in Tómas und kroch in die Nische. Die Katze ließ sich überraschend widerstandslos herausziehen, das Spielzeug weniger. Doch als er es geschafft hatte, drückte Señora Mendéz ihm ein paar warme Aborrajados in die Hände. Er aß genüsslich im Gehen.
Der Himmel hatte sich seit dem Morgen kaum verändert, die Luft war nur schwerer geworden. Es roch nach feuchter Erde, obwohl es noch nicht geregnet hatte.
Auf dem Rückweg zum Dorfplatz bemerkte er Luna. Sie saß mit Gabriela auf einer niedrigen Stufe am Rand des kleineren Dorfplatzes. Gabriela hatte ihr Buch auf den Knien und zeigte Luna eine Stelle auf der offenen Seite. Luna beugte sich vor und ihre Haare fielen ihr wie ein federleichter Vorhang über die Schulter. Sie sagte etwas, dass Gabriela amüsiert, kichern lies.
Camilo blieb einen Moment stehen, dann gingen die beiden auf und verschwanden lächelnd gemeinsam in die Gasse. Erst jetzt bemerkte er, dass er während seiner Beobachtung selbst breit gegrinst hatte. Dann ging auch er weiter.
Der Schauer kam kurz vor dem Abend. Innerhalb weniger Augenblicke drängten sich die Dorfbewohner unter Vordächer und Markisen, Händler retteten ihre Waren und Kinder streckten die Hände in den Regen, bis ihre Mütter sie zurückzogen. Camilo wartete unter dem Vordach von Señora Garcías Kräuterladen, bis der Regen nachließ. Die Pflastersteine glänzten nass und die schwere Luft roch endlich nach etwas.
Am Treffpunkt standen Luna und Gabriela unter dem Guajakbaum. Der Boden war noch zu nass zum Sitzen. Sie redeten leise, Gabriela hatte die Arme locker verschränkt und Luna hielt sich an einem tiefen Ast fest, die Finger um die Rinde gelegt.
Camilo blieb einen Schritt vor dem Platz stehen. Bei Marianna war Gabriela immer ein paar Schritte hinter den anderen gelaufen, den Blick meist woanders. Hier stand sie einfach neben Luna und redete. Er freute sich, dass die beiden scheinbar Freunde geworden waren. Doch es versetzte ihm auch einen kleinen Stich, dass er Luna heute nicht für sich haben würde.
Dann winkte Luna ihn heran und das war eigentlich Grund genug. Camilo trat auf den Platz.
Die Unterhaltung kam und ging, wie sie wollte. Irgendwann erwähnte Camilo Pedro, den er heute Morgen wieder mit demselben Stapel Holz über den Platz hatte schleppen sehen. Jeden Tag, dieselbe Strecke, derselbe Stapel. „Er stellt ihn abends wieder zurück“, sagte Gabriela, ohne aufzublicken.
Camilo sah sie verdutzt an, „Woher weißt Du das?“. „Ich habe es nachgeprüft“, Gabriela sah auf „zweimal“.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und fing dann an zu lachen. Luna versteckte ihr Gesicht hinter ihren schmalen Händen, die Schultern zuckten. Der Guajakbaum tropfte noch lange nach dem Schauer und keiner der drei bemerkte es groß.
Verflixtes Herz
Als der Guajakbaum aufhörte zu tropfen, verabschiedeten sie sich. Gabriela wandte sich bereits zum Gehen. Camilo wollte ihr folgen, als Luna ihn kurz am Ärmel seines Ponchos hielt. Nur einen Bruchteil einer Sekunde. Dann trafen sich ihre Augen, einen Moment länger als nötig. Luna ließ los, winkte ihm knapp und eilte davon.
Camilo stand noch einen Herzschlag länger als nötig, dann drehte er sich um und konnte gerade noch sehen, wie auch Gabriela sich zu ihm umwandte. Sie wartete auf ihn, die Hände in den Taschen und sagte nichts. Erleichtert, dass sie offenbar nichts gesehen hatte, atmete Camilo kurz durch. Er ging betont lässig zu ihr.
Die Gasse zwischen Señora Garcías Laden und der Bäckerei war schmal genug, dass zwei Menschen sich kaum aneinander vorbeibewegen konnten. Camilo kam von der einen Seite, Luna von der anderen. Sie blieben beide gleichzeitig stehen.
Luna hatte einen Korb am Arm und sah ihn überrascht an. Dann lächelte sie. Camilo lächelte zurück.
Keiner der beiden bewegte sich. Die Gasse war eng genug, dass er den Geruch von Zimt und Kräutern wahrnahm, der ihr immer folgte. Luna sagte etwas über die Einkäufe, er antwortete, er wusste selbst nicht genau was. Sie standen noch immer viel zu nah beieinander und Luna schien es nicht zu bemerken. Oder es störte sie nicht. Camilo bemerkte es. Deutlich.
Als sie sich schließlich voneinander lösten und weitergingen, brauchte er einen Moment, bis er sich erinnerte, wohin er eigentlich gewollt hatte.
Die Nacht hatte den Tag abgekühlt, aber nicht viel. Beim Frühstück hatte Abuela Camilo einen einfachen Auftrag gegeben: die Kinder vom Dorfplatz fernhalten, die Händler hätten sich beschwert. Camilo hatte kurz überlegt, dann war er mit den Kindern zum Fluss gegangen. Am Wasser gab es mehr Platz, mehr Ablenkung und der Platscher eines Kindes ins seichte Wasser war immer gut für mindestens eine Stunde Beschäftigung.
Er zog seinen Poncho aus, legte ihn auf einen Stein und watete bis zu den Knien ins Wasser. Innerhalb von Minuten hatte er vier Kinder auf sich drauf und zwei weitere, die ihn von der Seite ansprangen.
Er plumpste mit einem riesigen Platschen ins Wasser und alle Kinder mit ihm.
Er hatte die Gruppe gerade wieder gesammelt und eine neue Runde begonnen, als er Luna am Ufer bemerkte.
Sie stand im Schatten eines der breiten Uferbäume, einen Korb in der Hand. Camilo sah sie in dem Moment, in dem sie ihn sah. Luna blieb stehen.
Er stand noch immer als Señor Pérez im Wasser, nass bis zur Hüfte, mit einem Kind auf dem Rücken. Doch Luna sah ihn trotzdem. Natürlich sah sie ihn. Ihr Blick wanderte zu ihm wie von selbst und für einen kurzen Moment, einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Moment, bewegte sie sich einen halben Schritt in seine Richtung. Dann fror sie ein.
Camilo sah, wie sie es selbst bemerkte. Wie ihre Augen kurz größer wurden, wie sie den Korb fester fasste. Dann wandte sie sich ab, viel zu schnell, und winkte ihm kurz über die Schulter, bevor sie zwischen den Bäumen verschwand.
Estebán auf seinem Rücken zog ihn am Ohr. Camilo drehte sich langsam zurück zu den Kindern. Sein Herzschlag war laut genug, dass er ihn selbst hörte.
Zwei Tage lang hatte es immer wieder geregnet. Nicht der große Schauer wie zuvor, sondern kurze, warme Güsse, die kamen und gingen ohne Ankündigung. Die Pflastersteine trockneten kaum noch zwischen den Schauern und die Luft roch dauerhaft nach feuchter Erde.
Sie saßen in der tiefen Eingangsnische des Hauses am Rand des Platzes, die Beine vor sich ausgestreckt. Luna hatte ihr Skizzenbuch auf den Knien und zeichnete, ohne aufzublicken. Camilo beobachtete den Regen, der in feinen Fäden vom Dach tropfte.
Er wusste nicht genau, wann es passiert war. Irgendwann hatte Luna aufgehört zu zeichnen und sich ein kleines Stück zur Seite gelehnt, bis ihre Schulter leicht an seiner lag. Es war so beiläufig geschehen, so still, dass Camilo kaum atmen wollte. Dann bemerkte sie es.
Er spürte, wie sie sich versteifte, nur einen Wimpernschlag lang. Sie richtete sich ganz langsam wieder auf, ohne etwas zu sagen, ohne sich umzudrehen. Ihr Bleistift setzte wieder auf dem Papier an, als wäre nichts gewesen. Camilo sah weiter auf die Tropfen. Er hatte es bemerkt. Jede einzelne Sekunde davon. Sein Herz musste deutlich zu hören sein. Soll ich es überspielen? Der Gedanke raste ebenso wie das Blut in seinem Kopf.
Chaos im Dorf
Einige Tage später saßen Luna und Gabriela neben Camilo unter dem Guajakbaum. Der Regen hatte für den Abend pausiert und die Luft war schwer und warm. Gabriela hatte ihr Buch dabei, Luna zeichnete. Camilo redete, wie er es immer tat, über irgendetwas, das im Dorf passiert war. Dann lehnte Luna sich vor, um Gabriela etwas auf ihrer Seite zu zeigen, und ihr Haar fiel dabei an Camilos Arm vorbei. Sie bemerkte es nicht.
Er verlor den Faden seiner Geschichte. Irgendwo in der Mitte eines Satzes, ohne Vorwarnung. Er fing ihn wieder auf und sagte irgendetwas, es klang halbwegs richtig. Niemand schien es zu bemerken.
Luna richtete sich wieder auf und Camilo atmete endlich weiter. Dann drehte Luna sich zu ihm und fragte etwas, eine einfache Frage über seine Geschichte, und ihre Augen trafen sich direkt und ruhig wie immer. Als wäre nichts. Als würde sie nicht wissen, was sie mit ihm anstellte. Camilos Herz beschleunigte sich.
Er antwortete, ohne zu wissen, was er sagte. Luna nickte und wandte sich wieder ihrer Zeichnung zu.
Camilo sah geradeaus. Sein Kopf war leer und gleichzeitig viel zu voll. Er kannte dieses Gefühl nicht. Er kannte immer die richtigen Worte, den richtigen Ton und die richtige Geste. Doch hier saß er und wusste nicht einmal, wohin mit seinen Händen. Er hielt sich am Gras neben seinen Beinen fest. Dann passierte es. Luna legte ihre Hand unauffällig neben die seine. Wenn er seinen kleinen Finger ausstreckte, könnte er den ihren berühren. Weiß sie es? Die Frage schoss in seinen Kopf und verstopfte seinen Hals. Stille.
Luna stand als erste auf, um sich zu verabschieden. Dabei streifte ihre Hand beim Aufstehen kurz seinen Arm. Beiläufig und unabsichtlich. Es musste unabsichtlich sein. Aber was, wenn nicht? Sie war bereits gegangen, bevor er reagieren konnte. Camilo saß noch einen Moment länger als nötig.
Dann bemerkte er Gabriela. Sie beobachtete ihn. Nicht überrascht, nicht amüsiert. Nur dieser eine ruhige, schiefe Blick, der sagte, dass sie alles gesehen hatte. Schon länger. Camilo öffnete den Mund, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Gabriela hob eine Augenbraue und er schloss den Mund wieder. Es war ein komisches Gefühl durchschaut zu werden. Wenigstens konnte Gabriela Geheimnisse bewahren, anders als Dolores.
Der Regen hatte aufgehört, aber die Gassen waren noch nass und glänzend, als Camilo am Morgen seine Runde drehte. Elena stand in ihrem Café und streckte sich nach einer schweren Kiste auf dem obersten Regal, die Arme kaum lang genug. Camilo blieb stehen und sie winkte ihn herein. Er verwandelte sich im Gehen in Pedro und hob die Kiste auf den Tisch neben dem Regal. Elena trat einen Schritt zurück und sah ihn an. Ihre goldenen Augen blickten wachsam. Camilo dachte an Luna. Er räusperte sich, wünschte ihr einen guten Tag und ging eilig weiter.
Danach verlief alles wie üblich, während die Sonne allmählig wieder Richtung Berge wanderte. Dann hörte er seinen Namen. Luchos Vater kam aus einer Seitengasse auf ihn zugelaufen. E sah sich rastlos um. „Camilo, ist Lucho bei Dir gewesen, heute?“. Etwas an seiner Stimme beunruhigte Camilo. „Nein“, sagte er sofort, „seit gestern nicht“. Das Gesicht des Mannes wurde nun doch besorgter. „Er war seit dem Frühstück nicht zuhause. Ich dachte, er wäre bei Dir.“
Camilo dachte an Lucho. Sieben Jahre alt, immer in Bewegung, immer der erste der rief und der letzte der aufhörte. Er kannte seine Geschichten auswendig, er kannte seine Lieblingsabenteuer. Lucho verschwand nicht einfach.
Auf dem Dorfplatz hatte sich bereits eine Gruppe gebildet. Camilo hörte sie, bevor er sie sah.
„Der Markt, nein der Fluss, jemand zum Waldrand, wir müssen uns aufteilen…“ Niemand bewegte sich. Alle redeten.
Luchos Mutter saß auf der Bank am Rand des Platzes, die Hände gefaltet im Schoß, die Knöchel weiß. Sie weinte leise und sprach dabei gleichzeitig, irgendwelche Worte, die in dem Lärm um sie herum versanken wie Steine im Wasser. Señora Ruíz redete über sie hinweg. Señor Pedro schlug eine Richtung vor. Drei andere widersprachen gleichzeitig.
Camilo wartete nicht länger. Er löste sich aus der Gruppe und lief. Die Gassen am Westrand zuerst, die er am besten kannte. Dann die schmalen Lagerräume hinter dem Markt, wo die Kinder sich manchmal versteckten, wenn sie glaubten unentdeckt zu sein. Dann den Weg zum Fluss.
Lucho war nirgends.
Er ist irgendwo. Das war der einzige Gedanke, der sich festhalten ließ. Lucho war sieben, er kannte das Dorf wie seine Westentasche, er war immer in Bewegung. Camilo kannte ihn. Er kannte sein Lachen, kannte wie er rannte, immer mit dem Oberkörper zuerst, als würden seine Beine kaum nachkommen. Er kannte das Gesicht, das er machte, wenn er eine Runde Fangen gewonnen hatte, und er kannte das Gesicht, wenn er sich irgendwo versteckt hatte und darauf wartete gefunden zu werden.
Dieses Gesicht hatte er heute Morgen nicht gesehen. Lucho hatte heute Morgen niemanden auf sich warten lassen. Er war einfach weg.
Er kennt das Dorf. Das war das Problem. Lucho kannte jeden Winkel, jede Abkürzung, jeden losen Stein an jedem Zaun. Ein Kind, dass sich verlief, verlief sich in einem Dorf, das es nicht kannte. Lucho verlief sich gar nicht. Also war er irgendwo hingegangen. Irgendwo, dass er für sich allein entschieden hatte, ohne es jemandem zu sagen. Und das machte es schlimmer, nicht besser. Denn das bedeutete, er war weit gegangen.
Camilo lief schneller.
Am Dorfrand, wo die letzten Häuser in die bewaldeten Berge übergingen, sah er Luna und Gabriela. Sie kamen gerade aus einer der ruhigeren Gassen, Luna mit einem Korb und Gabriela mit ihrem Buch unter dem Arm. „Lucho ist verschwunden“, sagte Camilo ohne Umschweife. Luna sah ihn sofort an „seit wann?“. „Heute Morgen. Niemand weiß, wo er ist“, Camilo machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen.
Nachdem sie die Gegend abgesucht hatten, eilten sie zurück zum Dorfplatz. Die Diskussionen hatten sich inzwischen verschärft. Luchos Vater wollte zum Fluss, Señora Ruíz bestand auf den Markt, Pedro schlug vor, sich aufzuteilen, und drei andere Stimmen redeten gleichzeitig dazwischen. Luchos Mutter saß inzwischen auf einer Bank, die Hände im Schoß. Sie schluchzte „da waren wir doch überall schon“.
Camilo sah sich um. Alle redeten. Niemand bewegte sich. Dann war Lunas Stimme zu hören. Sie war nicht laut. Sie war nie laut. Aber sie war klar genug, dass die Menge einen Moment verstummte. „Camilo.“ Ihre Augen trafen seine „erzähl mir von Lucho“. Er beschrieb Lucho so detailliert wie er konnte, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, was mag er besonders? Ein Spiel vielleicht?“, ihre Stimme wurde ein wenig lauter. Lucho war ein aufgewecktes Kind. Doch er liebte besonders Abenteuergeschichten. In letzter Zeit hatte er immer wieder über die Schatzsucher hören wollen. Dieselbe Geschichte, die er Luna vor Monaten erzählt hatte. Mit einer Höhle hinter einem Wasserfall und einem vergrabenem Piratenschatz.
Luna sah einen Moment zu Boden. Die umstehenden hatten wieder angefangen zu diskutieren. Dann schnappte sie nach Luft und rannte davon. Niemand reagierte. Gabriela und Camilo sahen sich an.
Mutige Tochter
Es dauerte nicht lange, bis Camilo Luna eingeholt hatte. Sie war keine schnelle Läuferin. Die beiden verließen eilig das Dorf, Camilo immer einen Schritt hinter Luna. „Was ist Dir eingefallen?“, fragte er, während er sich zwischen den schwarzen Büschen und höher werdenden Bäumen umsah. Luna antwortete, ohne sich umzudrehen oder langsamer zu werden. „Deine Geschichte. Erinnerst Du Dich, dass ich Dir sagte, dass das Versteck auch hier im Wald sein könnte? Ich weiß nicht, ob Kinder den Wasserfall kennen, aber…“ Camilos riss die Augen auf.
Nun wusste er, wo sie hinwollte. Sie hatte ihn hingeführt, aber nur einmal und im Dunkeln würde er den Weg sicher nicht wieder finden. Gut, dass Luna ihn zu kennen schien. Inzwischen war der letzte Strahl der Sonne hinter den Bergen verschwunden. Camilo trat immer wieder auf Äste und das Knacken hallte laut durch den Wald.
Sie kamen an einer schmalen Lichtung an. Luna blieb stehen und rief den Namen des Jungen. Camilo erinnerte sich an die Lichtung und er konnte den großen Wasserfall gut hören. Also musste Lucho in der Nähe sein. Er wandte sich rechts an der Lichtung entlang und Luna verstand, sie ging die Lichtung linksherum ab. Doch nichts. Als die beiden erneut aufeinandertrafen, sahen sie sich kurz enttäuscht in die Augen. Dann legte Luna einen Finger auf die Lippen und führte Camilo zum Wasserfall. Vorbei an großen Felsen und dicken Wurzeln, die Camilo nicht rechtzeitig gesehen hätte.
Ab und zu wandte Luna den Kopf und nickte deutlich, um Camilo anzuweisen, Lucho zu rufen. Dann herrschte wieder Stille in der beide angespannt in die Nacht horchten. Doch nichts außer dem Wasser war zu hören. Am Wasserfall war es sehr frisch und der Wind wehte ihnen die Haare ins Gesicht. „Hör zu, ich kenne den Weg in die Höhle, aber Du kannst da nicht rein. Du könntest einen Fuß falsch setzen und vom Wasser mitgerissen werden. Warte hier, aber ruf Lucho so laut Du kannst“, sagte Luna ernst. Er konnte ihr Gesicht nicht genau erkennen, doch ihre Augen strahlten fast wie die einer Katze in der Dunkelheit und darin lag ein Ausdruck, der keinen Widerspruch duldete. Widerwillig stimmte er zu, doch als sie den ersten Schritt machte, hielt er sie kurz zurück „sei Vorsichtig und komm sofort zurück“. Dann ließ er sie gehen.
Die Minuten fühlten sich wie Ewigkeiten an. Camilo rief immer wieder in das Tosen des Wasserfalls hinein. Er wartete ein paar Herzschläge ab. Dann rief er erneut. Eigentlich wollte er sich zumindest an der Stelle umsehen, an der er wartete, doch brachte er es nicht über sich, den Blick vom Wasserfall zu lösen. Luna war nicht mehr zu sehen, seit sie an der Felswand angekommen war.
Gerade als er richtig nervös wurde, tauchte Luna wieder auf. Sie war allein.
Die beiden durchsuchten die Gebüsche, jedoch ebenfalls erfolglos. Camilo beobachtete, wie Luna erneut in Gedanken vertieft zu Boden starrte. Nach einer Weile fragte er „gibt es noch andere Orte, die zur Beschreibung passen?“. Luna sah auf. Sie sah ihn mit schräg liegendem Kopf an. „Ich weiß nicht, ein paar kleinere. Weißt Du wo Lucho wohnt?“ Natürlich wusste Camilo das. Er beschrieb ihr die Position des Hauses im Dorf. Dann deutete sie in eine Richtung „lass uns dort suchen“.
Camilo hatte längst die Orientierung verloren und es war so dunkel geworden, dass er Luna mehr hörte, als sah. Ihre schemenhafte Gestalt führte ihn durch das Unterholz. Ab und an streifte ihn ein weicher Ast, doch sonst passierte nichts. Er ging nun näher hinter Luna, denn sie hatte sich nach einem tiefen einatmen zu ihm umgewandt. „Ich kann jetzt auch weniger sehen, am besten wir bleiben dicht zusammen.“ Dann hatte sie mit ihrer rechten Hand seine linke genommen und war voraus gegangen. Sie hatte gezittert, obwohl ihre Hand zu glühen schien. Er hatte seine Hand aus dem Griff gezogen und seinerseits ihre Hand umschlossen. Es fühlte sich komisch an, ihren Handrücken in seiner Handfläche zu spüren. Doch nach wenigen Schritten war ihm der Grund klar geworden. So konnte sie sicher gehen, dass er nirgends hintrat, wo sie nicht auch hingetreten war.
Noch bevor sie am zweiten, deutlich kleineren Wasserfall ankamen, riss Luna sich los. Sie stürmte nach vorn und Camilo sah zu spät, warum. Als er ihr hinterherrannte, war sie bereits in eine riesige Schlammgrube gesprungen. Die Beine voraus. Luna packte eine kleine Gestalt und zog sie wenige Zentimeter hoch. In dem Moment, als sie nicht weiterziehen konnte, kam Camilo am Rand an. „Halt! Lucho ist unterkühlt, wirft mir Deinen Poncho zu!“ Camilo gehorchte, doch als sie den Poncho auffing, sanken die beiden weiter ein. Sofort warf sich Camilo flach auf den Schlamm, er kam nicht an Luna heran.
Glücklicherweise war er der Gestaltwandler. Mit einem Wimpernschlag wurde Camilo zu Luchos Vater. Größer und mit mehr Fläche auf dem Schlamm griff er um Lunas Hüfte. Doch konnte er sie nicht mehr herausziehen. Sie steckte bereits zu fest und er selbst sank ein, sobald er Körperspannung aufbaute. Was nun?
Lucho regte sich. Camilo konnte ihn nicht sehen, aber er spürte es. Nach einigen Sekunden hörte er eine schwache Stimme „Papa?“. Instinktiv bestätigte Camilo und der Junge begannen zu weinen. Luna legte ihren Kopf auf den des Jungen und sagte leise „keine Angst, Dein Papa und ich sind da“. Dann nahm sie Camilos Hand und führte sie zu Luchos Hand. Er umschloss die kleine Kinderhand so ruhig wie er konnte. Sie war eiskalt, aber unter seinem eigenen Poncho.
So blieben die drei im Schlamm stecken, bis Lucho Schluckauf bekam. Es war ein leises, beinahe schwaches Hicksen. „Lucho, wollen wir nicht zusammen etwas singen? Du kannst bestimmt ganz toll singen oder summen.“ Lunas Stimme begann erst leise, dann immer lauter ein Kinderlied zu singen. Lucho stimmte ein, mit müder Stimme erklang fast jedes Wort des Liedes.
De colores, de colores
Se visten los campos en la primavera.
De colores, de colores
Son los pajaritos que vienen de afuera.
De colores, de colores
Es el arco iris que vemos lucir.
Y por eso los grandes amores
De muchos colores me gustan a mí.
Y por eso los grandes amores
De muchos colores me gustan a mí.
Beim Refrain setzte auch Camilo mit ein. Die Jungen trafen nicht gerade die Töne, doch darum ging es beim Singen nie. Lucho wurde durch das Singen abgelenkt, aber Dolores würde sie drei zusammen vielleicht hören können. Er hoffte inständig, dass Gabriela die anderen überzeugen konnte, in dieser Richtung zu suchen.
Es wurde immer kälter und Camilos Kleidung war inzwischen klatschnass und klamm. Seine Finger unter dem Poncho kühlten langsam aus, aber zumindest noch nicht so eisig wie seine Ohren. Sie beendeten gerade den zweiten Durchgang des Liedes, als fernes Geraschel zu hören war. Augenblicklich unterbrach Camilo seinen Gesang und schrie so laut er konnte „hier!“.
Wenige Minuten später tauchten die ersten hektischen Silhouetten aus dem Gebüsch auf. Sie hatten an Öl-Lampen gedacht. Im Schein erkannte Camilo zuerst Luchos Vater, Dolores und Ricardo. Lunas Vater warf einen Blick auf seine Tochter, dann blieb er wie angewurzelt stehen. Camilos Vater preschte an ihm vorbei und begann eilig mit Luchos Vater mit den Händen den Schlamm abzutragen. „Schnell jetzt! Alle graben“, rief Felix über die Schulter und die Männer gehorchten. Dolores, Gabriela und Julieta packten Camilo an den Beinen, bereit ihn zu ziehen.
Kaum hatten sie Lucho ausgegraben, wurde er an Julieta übergeben. „Wir müssen ins Dorf. Ich kann ihn heilen, aber er muss ins Warme.“ Sie wartete bis, der Vater des Jungen sich aus dem Schlamm gekämpft hatte, dann rannten die beiden fort. Sein Platz wurde von Ricardo eingenommen, der sich nicht einmal umgewandt hatte. Er grub einfach verbissen weiter. Seine Tochter war inzwischen bis über den Bauchnabel im Schlamm, obwohl Camilo sie noch immer festhielt. Nun jedoch nur noch unter den Armen.
Als Luna fast befreit war, sollte Camilo sie loslassen. Er biss die Zähne zusammen und ließ los. Kaum hatte er seine eigene Gestalt zurück, wurde er an den Füßen aus dem Schlamm gezogen. Er blieb erschöpft am Boden, während Dolores ihn umarmte. Sie fühlte sich warm an. Dennoch konnte er nicht entspannen.
Erst als er im Augenwinkel sah, wie Luna und ihre Retter aus dem Schlamm kamen, fiel alle Spannung von Camilos Schultern. Dolores drückte ihn einmal fest und schob ihn dann von sich. Sie betrachtete ihn genau, bevor sein Vater von hinten kam und ihn fast erdrückte. „Du verrückter Bursche.“
Camilo beobachtete jedoch Luna. Sie stand mit schlotternden Beinen vor der Menge. Gabriela trat von einem Bein auf das andere, während sie Luna genau betrachtete. Erst jetzt im Schein der Lampen bemerkte Camilo, dass sie voller Kratzer an Hals, Gesicht und Armen war. Die Äste, die er im Dunkeln nicht gespürt hatte. Ricardo blickte eine Weile neutral auf Gabriela, dann schob er sich vor seine Tochter. Er überragte sie bei weitem. Camilo rechnete schon mit Ärger, als Ricardo Luna beinahe grob zu sich zerrte und fest umklammerte. Luna prustete einen Schwall Luft aus ihren Lungen. Seine Schultern zuckten kaum merklich.
Niemand sagte etwas, niemand regte sich. Dann hielt Ricardo sie eine Armlänge von sich entfernt und sah ihr fest in die Augen. Ohne Umschweife zog er sein Hemd aus und warf es ihr über die schmalen Schultern. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Luna nichts fehlte, trat er ein paar Schritte zurück. Ein kurzer Blick auf Camilo, dann wieder Gabriela.
Ricardo trat einen weiteren Schritt zurück und nahm eine der Lampen vom Boden, doch niemand, sonst regte sich. Der Wasserfall dröhnte in die stille Nacht.
Mi Chigüi
Camilo war der erste der sich bewegte. Er hielt es nicht mehr aus. Zitternd stemmte er sich auf und stakste zu Luna. Seine Muskeln fühlten sich an wie Wackelpudding. Mit jedem Schritt entglitt ihm sein erschöpftes Gesicht und er zeigte zunehmend eine zerknitterte Verzweiflung.
„Bist Du wahnsinnig?!“, platzte es aus ihm heraus. Genau in dem Moment, wo er nahe genug war, um sich in eine Umarmung mit Luna fallen zu lassen. „Mach das nie wieder, was, wenn Du eingesunken wärst!“ Er wusste, dass er mit jedem Wort verzweifelter klang und es auch wurde. Camilo fühlte sich wie ein bockiges Kind und doch konnte er nichts dagegen tun.
Luna versteifte sich unter seiner Umarmung. Früher hätte sie sich vor Angst versteift und wäre dann geflohen. Doch jetzt wirkte es eher wie eine Trotzreaktion. Als sie einen winzigen Schritt zurück machte, beendete sie seine Umarmung. Doch er hielt sie an den Schultern zurück. Camilos Kopf sackte kraftlos auf ihre linke Schulter. Er war den Tränen nahe. Dann krächzte er so leise, dass nur Luna und Dolores ihn hören konnten. „Tu mir das nicht an.“
Die Sekunden dehnten sich, eine nach der anderen, während Camilo reglos auf ihrer Schulter ruhte und das Blut in seinen Ohren dröhnte. Hatte sie ihn verstanden? Hatte sie es gehört? Er hatte sich gerade vor allen verraten. Wie reagierte Luna?
Gerade als der Kloß in seinem Hals ihm die Luft zu nehmen drohte, bewegte Camilo sich. Langsam, ganz langsam hob er seinen Kopf, bis er diese zauberhaften goldenen Augen sah. Camilo kannte den Blick in ihren Augen. Sie hatte es gehört, aber nicht verstanden. Ihre kleinen Sonnen sahen ihn besorgt, aber freundlich an. Es fühlte sich an wie eine stille, fast traurige Unsicherheit.
Camilos Arme sanken. Sein Herz begann zu rasen als die Angst in ihm aufstieg. „Luna.“ Sie hatte nicht verstanden. „Ich liebe Dich.“
Blumen. Er hatte Blumen geplant. Und einen besonderen Ort. Nicht hier. Nicht so.
Weitere Sekunden der Stille folgten auf diese Worte. Im Augenwinkel sah Camilo, wie Gabriela und Dolores die Hände vor ihrem Mund falteten. Doch er konnte nicht nachsehen, ob sie sich freuten. Luna musste es jetzt verstehen.
Ihre Augen hatten sich geweitet und sie starrte Camilo an. Sie wich nicht zurück. Dann öffnete sich ihr Mund nur einen winzigen Schlitz weit. Doch er hörte über dem Rauschen der Blätter und dem entfernten Wasserfall keinen Ton.
Sie bewegte ihre Lippen und da war es. „Ich auch“, sagte sie leise und dennoch übertönte ihre Stimme alles andere. Luna lief von der Nase bis über die Ohren rot an. Kaum hatte sie ihren Mund geschlossen, hatte sie einen Punkt neben Camilos Schuhen anvisiert.
Camilo konnte nicht widerstehen. Er griff ihre Hand und wandte sich ebenfalls mit roten Wangen zu ihrem Publikum um. Sein Grinsen war breiter als je zuvor und er konnte sich kaum beherrschen. Hätten ihm die Muskeln nicht wehgetan, er hätte am liebsten getanzt und gesungen.
Dolores lächelte Camilo von der Seite an, bevor sie sich auf den Rückweg machte. Ricardo drehte sich von ihnen weg und führte die ganze Gruppe zurück ins Dorf. Es war kein langer Marsch, obwohl sie aus Rücksicht auf Luna und Camilo nur langsam gingen.
Am Rand des Dorfes wurden sie bereits erwartet. Als erstes wurde Luna beinahe von ihren Geschwistern umgeworfen. Alle drei weinten und stammelten durcheinander. Dann wurde Camilo von ihnen getrennt.
Groß und klein umringte ihn. Sie alle waren froh und dankbar, dass er Lucho gefunden hatte und dass alle wohlauf zurück waren.
Dabei hatte er Lucho nicht gefunden.
Immer wieder beteuerte er, dass sie Luna danken mussten. Doch schien es im allgemeinen Trubel unterzugehen. Dann jedoch kamen Marianna und ihre Freundinnen auf Camilo zu.
„Gut, dass Dir nichts passiert ist“, sagte Marianna auf ihre gewohnt knappe Art. Doch allein, dass sie wieder mit ihm sprach, machte ihn sehr glücklich. Sofia umarmte ihn sogar wieder.
Marianna wandte den Kopf Luna zu und nickte einmal deutlich. Dann kehrte sie ihr den Rücken zu. Nach einem Blick auf Camilo warf sie ihr Haar über die Schulter und ging. Natalia und Sofia folgten ihr mit einem Lächeln für Camilo.
Als der Trubel sich legte und die meisten beschlossen, langsam Heim zu kehren, schaffte es Camilo erneut zu Luna. Gabriela war bei ihr und die Mädchen umarmten sich. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, sagte Gabriela zittrig.
Camilo wartete, bis die Mädchen sich beruhigt hatten. Doch noch bevor das geschah, zog jemand ihn in eine Umarmung. „Danke, dass Du bei ihr geblieben bist“, flüsterte Elena.
Als Luna und Camilo endlich wieder voreinander und niemand zwischen ihnen war, atmete Camilo erleichtert auf. Er nahm sanft ihre Hände in die seinen. Würde dieser Moment nur ewig andauern, dachte er glücklich.
Doch der Moment verflog und Elena holte beide aus ihrer Welt. „Es ist spät, ihr gehört alle ins Bett. Besonders Du, Tómas“, sie lächelte, während sie Matéo, Valerí und Tómas vorwärts scheuchte.
Ricardo sagte nichts. Er sah Luna an, schmutzig, zerkratzt und glücklich. Er lächelte warm. Als Camilos Blick erneut auf Luna lag, konnte er sein Glück kaum fassen. Er hatte gedacht, er müsste Luna in sein Dorf holen. Dabei hatte sie ihn in ihres gelassen.